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Nahost

Öko-Tourismus zur Rettung des Jordan

Die Umweltorganisation "Friends of the Earth Middle East" will den Jordan retten, indem sie wassersparende Alternativen zur Landwirtschaft aufzeigt. Dafür wird sie mit dem Alexander-Onassis-Umweltpreis ausgezeichnet.

Jordan-Zufluss Jarmuk (Foto: DW)

Trügerische Idylle: Der Jordan-Zufluss Jarmuk führt nur noch ein Zehntel seiner einstigen Wassermenge

Kräftig rauscht das Wasser durch das Tal. Von der Klippe fällt der Blick steil hinab auf das üppig bewachsene Bett des Jordan-Zuflusses Jarmuk. Besonders im Frühling kommen viele Einheimische hierher nach Al-Hemma im Norden Jordaniens und genießen bei einem Picknick die Aussicht auf die Golan-Höhen am gegenüberliegenden Ufer. Doch die Idylle trügt: Der Jarmuk führt hier nur noch ein Zehntel seiner einstigen Wassermenge. Den Bewohnern des Dorfes entzieht das die traditionelle Lebensgrundlage, wie der örtliche Vertreter der Umweltgruppe Friends of the Earth Middle East (FoEME), Jusuf Mohareb berichtet. "Die meisten Leute hier haben ihren Boden in Bauland umgewandelt und benutzen ihn nicht mehr für die Landwirtschaft." Von der Klippe aus zeigt er das Tal entlang. "Das war alles Ackerland. Doch weil es kein Wasser mehr gibt, sind darauf Häuser gebaut worden." Statt in der Landwirtschaft zu arbeiten, seien die Eigentümer mittlerweile gezwungen, sich Regierungsjobs zu suchen oder von Sozialhilfe zu leben, sagt Mohareb.

Alternativer Tourismus als Rettung?

Heiße Quelle in Al-Hemma (Foto: DW)

Attraktionen wie die heißen Quellen sollen ausländische Touristen in das Dorf Al-Hemma locken

Die Umweltschützer von FoEME, die aus Israel, Jordanien und den Palästinensergebieten kommen, sind davon überzeugt, dass die Landwirtschaft den Einwohnern von Al-Hemma keine dauerhafte Perspektive mehr bietet. Auch die Umwandlung der Felder in Bauland oder ein Leben von Sozialhilfe halten sie nicht für tragfähig. Deshalb versuchen sie, mehr ausländische Besucher in das Dorf zu lotsen und die Einwohner für die Idee zu gewinnen, verstärkt mit alternativem Tourismus ihr Geld zu verdienen. Attraktionen bietet Al-Hemma genug: die heißen Quellen am Ortsrand zum Beispiel oder historische Denkmäler wie die Moschee und Reste der Hedschas-Bahn.

Mohareb selbst betreibt neben seiner Arbeit für die Umweltgruppe auch ein Café im Ort. Die ersten Erfolge mit dem Tourismus-Geschäft haben es ihm zwar möglich gemacht, sein Café auszubauen, doch er hat längst größere Pläne. "Jetzt will ich, wenn ich die Möglichkeit bekomme, ein kleines Bad bauen", erzählt er und fügt hinzu: "Mit dem Wasser aus der heißen Quelle können wir das dann als Sauna nutzen, als türkisches Bad."

In insgesamt 25 Orten in Israel, Jordanien und den Palästinensergebieten arbeitet FoEME daran, wie in Al-Hemma einen nachhaltigen Tourismus zu etablieren. Im Idealfall, so ihre Hoffnung, entwickeln die Bewohner eigene Ideen und bauen sich, genau wie der Café-Besitzer Mohareb, eine neue Einkommensquelle auf. Denn die bislang dominante Landwirtschaft verschlingt beispielsweise in Jordanien rund zwei Drittel des Frischwassers, trägt aber nur einen verschwindend geringen Anteil zur Wirtschaftsleistung bei.

Effizientester Weg der Wassernutzung

Jordan (Foto: DW)

Kurz vor seiner Mündung ins Tote Meer ist der Jordan nur noch ein trübes Rinnsal

Dass die Umweltgruppe sich heute um die Förderung des Öko-Tourismus bemüht, war ursprünglich keineswegs geplant. Angefangen habe das Projekt als herkömmliche Kampagne für effiziente Wassernutzung, erinnert sich der stellvertretende Direktor der Organisation, Abdel Rahman Sultan, im FoEME-Büro in Amman. Die Idee mit dem nachhaltigen Tourismus sei erst entstanden, nachdem die Gruppe eine Studie veröffentlichte. Diese zeigte, welcher wirtschaftlichen Ertrag mit verschiedenen Arten der Wassernutzung zu erreichen ist - je nachdem, ob die Einwohner des Jordantals in erster Linie Landwirtschaft, Industrie oder Tourismus betreiben. "Dabei stellte sich heraus, dass man mit dem Tourismus das höchste Einkommen erzielen kann", sagt Sultan.

Natürlich ist der alternative Tourismus für FoEME nur einer von mehreren Bausteinen zur Rettung des Jordans. Daneben wirbt die Organisation für effizientere Bewässerungsmethoden, mehr Kläranlagen, den Anbau weniger durstiger Nutzpflanzen und mehr Kooperation unter den Jordan-Anrainerstaaten bei der Aufteilung des Wassers. Das alles mit dem Ziel, so viel Wasser zu sparen, dass der fast ausgetrocknete Fluss wieder ein stabiles Ökosystem werden kann.

Keine Zukunft für die Landwirtschaft

Landwirtschaft in Jordanien(Foto: Karin Leukefeld)

Für die Landwirtschaft gibt es in Jordanien kaum noch Zukunft

Der Weg, den die Gruppe dazu gewählt hat, ist langwierig, räumt Sultan ein: "Es ist ziemlich schwierig, den Menschen zu sagen, dass sie etwas anderes als ihre Eltern und Großeltern arbeiten sollen, die in der Landwirtschaft oder beim Militär waren." Mittlerweile gebe es zwar die ersten Jordantal-Bewohner, die im alternativen Tourismus ihre Zukunft sähen. Ein selbsttragender Prozess sei das aber noch lange nicht. "Bis man sehen kann, dass die Menschen hier von den Möglichkeiten profitieren, die ihnen der Öko-Tourismus bietet, wird es noch einige Jahre dauern - wahrscheinlich ein Jahrzehnt", glaubt der FoEME-Vizechef.

Dennoch hält seien Organisation ihren Weg für den einzig richtigen. Denn die Erfahrung zeigt, dass die Menschen im Konfliktgebiet Nahost nur dann für Umweltschutz zu gewinnen sind, wenn sie darin einen konkreten Nutzen erkennen. In Hamburg erhielt FoEME für ihren Einsatz nun als erste Umwelt-Organisation den neu geschaffenen Umweltpreis der Alexander-Onassis-Stiftung. Dieser gehört mit einem Preisgeld von 250.000 Euro international zu den höchstdotierten Auszeichnungen auf diesem Gebiet.

Autor: Christoph Dreyer

Redaktion: Michaela Paul

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