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Wissen & Umwelt

Öko-Enzyklika schürt Hoffnungen

Knapp 200 Seiten über Umweltschutz, Klimawandel und die Notwendigkeit zur Umkehr - die Enzyklika des Papstes hat großes Aufsehen erregt. Aber wird sie auch langfristig etwas bewirken?

Schon bevor die sogenannte Öko-Enzyklika

Laudato Si

offiziell vorgestellt wurde, feierten Klimaaktivisten rund um den Globus Papst Franziskus als Retter der Erde. Die brasilianische Klimaschutzorganisation Observatório do Clima veröffentlichte sogar ein Video, in dem der Papst mit Fausthieben als eine Art Rocky Balboa gegen die Ausbeuter der Erdressourcen kämpft.

Und tatsächlich: Die Aktivisten wurden nicht enttäuscht als das mit viel Spannung erwartete Dokument schließlich

am 18. Juni im Vatikan präsentiert

wurde. "Wenn die augenblickliche Tendenz anhält, könnte dieses Jahrhundert Zeuge nie dagewesener klimatischer Veränderungen und einer beispiellosen Zerstörung der Ökosysteme werden, mit schweren Folgen für uns alle", heißt es in dem Papier. "Die verhängnisvollen Prognosen dürfen nicht mehr mit Geringschätzung und Ironie betrachtet werden."

Eine klare Botschaft an alle Klimaskeptiker: Der Papst bestätigt vor der ganzen Welt, dass der Klimawandel menschengemacht ist und dass es Zeit zu handel ist. Es heißt, der Papst sei von den Ergebnissen der letzten Klimaverhandlungen enttäuscht gewesen und wolle mit seiner Enzyklika die Weichen für die Verhandlungen in Paris im Dezember setzen.

Lob für den Papst

Nichtregierungsorganisationen rund um den Globus beeilten sich, das Dokument zu kommentieren, kurz nachdem es erschienen war. Der World Wide Fund for Nature (WWF) lobt "Papst Franziskus für seine heute veröffentlichte Enzyklika, die nach Ansicht der Umweltschützer an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt", schreibt die Organisation in einer Mitteilung. "Gut, dass sich der Papst entschieden den Leugnern und Skeptikern entgegenstellt und der etablierten Wissenschaftsmeinung anschließt, wonach der Klimawandel größtenteils menschengemacht ist", fügt Eberhard Brandes, Vorstand des WWF Deutschland, hinzu.

Greenpeace gefällt insbesondere, dass Papst Franziskus den "unverzüglichen" Ausstieg aus der fossilen Energie fordert. "Das ist ein klares Signale an Kohle- und Ölkonzerne wie Vattenfall oder Shell", schreiben sie in einem Kommentar. Jetzt sei die Regierung gefragt, die geforderte Energiewende auch Wirklichkeit werden zu lassen. Die Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch in Bonn nennt die Enzyklika kurz und knapp "eine gelungene Provokation".

Rückenstärkung für die Klimaforscher

Neben Kardinal Peter Turkson, hat der Papst auch einen deutschen Klimawissenschaftler eingeladen, im Vatikan zu sprechen: Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). "Nicht die Armen, sondern die Reichen verursachen die größten Risiken für unseren Planeten, und letztlich für die Menschheit", sagte er bei der Präsentation der Enzyklika.

Der Papst mache sich zwei starke Mächte in der Welt zunutze, sagte Schellnhuber später den Medien. "Wenn Glaube und Vernunft Hand-in-Hand gehen, können wir die Krise überwinden." Laut PIK gilt das Dokument des Oberhauptes von mehr als einer Milliarde Katholiken als "wichtiges Signal auf dem Weg zu einem globalen Abkommen zur Emissionsreduktion und letztlich zur vollständigen Dekarbonisierung der Weltwirtschaft."

Er wird "die Welt verändern"

Papst Franziskus ruft dazu auf, unsere Art des Lebens umzustellen. "Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil - da er unhaltbar ist - nur in Katastrophen enden kann."

"Die Enzyklika von Papst Franziskus wird Geschichte schreiben", sagte Prälat Bernd Klaschka, Hauptgeschäftsführer von Bischöfliche Aktion Adveniat, die die pastorale Arbeit der katholischen Kirche in Lateinamerika unterstützt. Denn dieses Dokument wende sich explizit nicht nur an Katholiken, sondern "an jeden Menschen, der auf diesem Planeten wohnt."

Klaschka betont vor allem, dass Papst Franziskus Umweltfragen in Bezug setzt zu Fragen der sozialen Gerechtigkeit. "Es ist ein großartiger Text, den Papst Franziskus uns geschenkt hat", sagt Klaschka. "Dieser Papst aus Lateinamerika wird die Welt verändern."

Kohlekraftwerk in China (Foto: ddp images/AP Photo/Oded Balilty)

"Schluss mit fossilen Treibstoffen!", fordert der Papst

Der Papst kann viel bewirken

Umwelt und Gesellschaft in Verbindung zu setzen sei gerade das, was das Papier des Papstes besonders mache, sagte Michael Kühn, Klima- und Umweltreferent bei der Deutschen Welthungerhilfe im DW-Interview. "Der Papst verknüpft Armutsbekämpfung, soziale Gerechtigkeit, Ausbeutung der Ressourcen, Lebensstilfragen und Kapitalismuskritik miteinander - das ist extrem progressiv."

Auch wenn Umwelt- und Entwicklungsorganisationen die meisten der angesprochenen Kritikpunkte bereits seit Jahrzehnten predigen, macht es einen Unterschied, wenn der Papst es sagt, meint Kühn. "Die katholische Kirche hat mehr als eine Milliarde Anhänger. Selbst wenn nur zehn Prozent davon politisch engagiert sind, ist das eine ganze Menge."

Rückenwind für Klimaverhandlungen

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Einige spekulieren, dass Papst Franziskus seine Enzyklika vor allem an die Mächtigen richtet, zum Beispiel an Menschen, die mit dem Emissionshandel viel Geld verdienen. Michael Schöpf, Leiter des Instituts für Gesellschaftspolitik an der Hochschule für Philosophie in München, bezweifelt das. Entscheidungsträger seien sicherlich mit angesprochen, aber "diese Enzyklika spricht die gesamte Zivilgesellschaft an", sagte er der DW.

Kühn weist darauf hin, dass das eine das andere nicht unbedingt ausschließe. Er spricht von Leuten, die bei der Klimakonferenz verhandeln und gerne das richtige tun würden, aber nicht können - zum Beispiel, weil sie die Industrie im Rücken sitzen haben. "Solche Leute möchte der Papst vielleicht ermuntern, ihrem Gewissen zu folgen."

Mit wichtigen Klimaverhandlungen, die in nächster Zeit anstehen, wie die Pariser Klimakonferenz, "ist die Enzyklika genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen".

Worten Taten folgen lassen

Wenn eine Enzyklika jemals etwas in der Welt bewirken kann, "dann ist es diese hier", sagte Schöpf. Denn das Werk des Papstes sei sehr klar und sehr konkret. So fordert das Oberhaupt der katholischen Kirche, auf globaler Ebene eine Autorität für Klimafragen einzurichten, die auch Sanktionsmacht hat.

Trotzdem: Welchen Einfluss das Schreiben letztendlich hat, hänge auch davon ab, ob die Kirche Worten Taten folgen lasse, sagt Kühn. Als Beispiel nennt er das "Istituto per le Opere di Religione", allgemein bekannt als Vatikanbank. Wird das Kreditinstitut seine Investitionsstrategie jetzt ändern und sich aus der Öl- und Kohleindustrie zurückziehen? Kühn bezweifelt das. "Mangelnde Umsetzung war schon immer das Problem."

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