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Kultur

Öffentliche Sprache im Visier der Kritiker

Herdprämie, Humankapital, Rentnerschwemme und Wohlstandsmüll: Alljährlich wird ein Unwort ausgewählt, um eine besonders unangemessene oder diskriminierende Redeweise zu kritisieren.

Ein Blatt mit dem Ausdruck des Unwort des Jahres Herdprämie wird am 15.01.2008 in Schwerin über einem Küchenherd gehalten (Foto: Jens Büttner/dpa)

1998 erfand der damalige Präsident der Bundesärztekammer Karsten Vilmar das Wort vom "sozialverträglichen Frühableben". Wenn Rentner früh sterben, entlasten sie den Sozialstaat und die Rentenkassen. Solche Rede ist offensichtlich zynisch. Wer sich öffentlich in dieser Weise äußert, suggeriert, dass ein vorzeitiger Tod aus wirtschaftlichen Gründen wünschenswert ist. Auch der Begriff "Humankapital", so die Jury 2004, betrachte Menschen nur als ökonomisch relevante Größen und sei kritikwürdig. Im Jahr 2008 wurde "notleidende Banken" zum Unwort des Jahres. Nicht die Banken würden Not leiden, sondern Steuerzahler und Volkswirtschaften, die durch Milliardenkredite die Fehler der Finanzinstitute ausbaden müssten.

Der Sprecher der Jury für das Unwort des Jahres, Horst Dieter Schlosser, schreibt am 20.01.2009 in Frankfurt am Main das Unwort des Jahres für 2008 an eine Tafel. Das Unwort lautet notleidende Banken, weil es das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise auf den Kopf stellt. (Foto: Uwe Anspach/ dpa)

Kein Weltgeist

Alle Bürger und Bürgerinnen können im Laufe eines Jahres Vorschläge für das Unwort einreichen. Es wird aber nicht derjenige Terminus gewählt, der die meisten Nennungen erhält. Aus den regelmäßig weit über tausend Einsendungen sucht eine Jury von Sprachkritikern ein Wort oder eine Formulierung aus, die "sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen". Ziel dieser Aktion ist es nicht, einzelne an den Pranger zu stellen. Vielmehr hofft Horst Dieter Schlosser, Sprachwissenschaftler an der Universität Frankfurt und Initiator dieser Wahl, auf einen anderen Effekt: "Selbst wenn wir auf Gegenwehr stoßen, und zwar jetzt nicht politische, sondern sachlich, sprachlich begründete, betrachten wir das inzwischen als Erfolg. Denn sonst rennt man ja gegen eine Wattewand. So aber kommt dann auch eine Diskussion zustande. Was wir nie ursprünglich im Sinn hatten, hat sich doch eingestellt: Dass in vielen Fällen eine Weile über Sprache nachgedacht wird. Wir sind nicht der Weltgeist, sondern ganze sechs Leute. Wir haben aber über 80 Millionen Deutschsprachige. Wir könnten nie in Anspruch nehmen zu sagen, was falsch und was richtig ist."

Beleidigte Politiker

Häufig werden Formulierungen aus Wirtschaft oder Politik angeprangert. Einige Politiker reagierten in der Vergangenheit beleidigt. Als Bundeskanzler Kohl 1993 wegen seiner Formulierung "kollektiver Freizeitpark" gerügt wurde, reagierte das Kanzleramt empört. Innenminister Otto Schily drohte der Jury 2004 sogar mit Klage und einem Bußgeld von 10 000 EURO.

Verschiedene Brotsorten, wie Mischbrot, Roggen-Vollkornbrot, Toastbrot und Baguette in einem Mülleimner (Foto: Hans Wiedl/ dpa)

Wohlstandsmüll

In anderen Fällen reagierten Presse und Öffentlichkeit zustimmend. Mit dem Wort "Wohlstandsmüll" hatte ein Unternehmer arbeitsunfähige oder – unwillige Menschen bezeichnet. Auch hier wurde der Zynismus dieser Aussage bemängelt. Die Sprachwissenschaftler hoffen mit ihrer Aktion die Sprachsensibilität zu fördern, so dass diskriminierende Ausdrucke vermieden werden.

Autor: Mario Scalla

Redaktion: Conny Paul

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