1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Ätzende Kristalle aus Tschechien

Crystal ist eine gefährliche Partydroge. Immer mehr deutsche Jugendliche greifen im Grenzgebiet zu Tschechien zu dem synthetischen Billig-Rauschgift. Doch nach dem Kick kommt der unaufhaltsame Verfall.

Seinen richtigen Namen mag er nicht preis geben: "Nennen Sie mich Jens Müller". Sein Alter gibt der schmächtige Mann mit 38 an. "Keine Fotos", bittet er. "Mit meinen Piercings, den Tattoos und den kurzen Haaren, könnte mich jemand erkennen, das möchte ich nicht." Jens hat viel erlebt. Viel Negatives. Mit Rauschmitteln wie der Partydroge Crystal versuchte er seinem Leben die Glücksgefühle einzupumpen, die er sonst nie fand.

Symbolbild für Crystal-Konsument, der nicht erkannt werden will. Copyright: Karin Jäger/ 13.06.2012, Rechtrefrei für DW. DW/Karin Jäger

Crystal-Konsument

Während er spricht sind seine auffallend geraden Zahnreihen zu erkennen. "Das sind falsche Zähne", gesteht er. Crystal hat sein Zahnfleisch weggeätzt, die Zähne wurden schwarz, fielen aus. "Im Moment geht es mir gut." Das war vor ein paar Wochen noch anders. Da erlitt Jens einen üblen Rückfall. "Es ging mir schlecht. Aber, ein Anruf und es war da." Wie andere Leute ihre Pizza, bestellte Jens die weißen Kristalle per Telefon. "Es gibt viele Dealer bei uns, überviele", fügt er hinzu. Jens Müller wirkt unsicher. Seine Hände zittern. Manchmal möchte er am liebsten wieder zum Telefon greifen.

Sven Kaanen, Chefarzt der Asklepios-Rehabilitationsklinik für Abhängigkeitserkrankungen in Wildenfels-Wiesen/ Sachsen. DW/Karin Jäger

Chefarzt Sven Kaanen

"Der Wunsch, sich wieder zu stimulieren, begleitet den Abhängigen sein ganzes Leben lang. Man muss damit leben und ein Arrangement finden, wie man sich dem entzieht", weiß Sven Kaanen, Chefarzt der Reha-Klinik für Suchtkrankheiten in Wildenfels-Wiesen. Seit Monaten betreut Kaanen Jens Müller in der Klinik im sächsischen Vogtland, die von einem hohen Zaun umgeben ist, und die Besucher nur mit Ausweis betreten dürfen.

Durch den Konsum der synthetischen Droge würden Nervenzellen absterben und die Gedächnisleistung der Drogensüchtigen beeinträchtigt, sagt Kaanen. Wie bei der Alzheimer Krankheit.

Schwere Kindheit - scheinbare Perspektivlosigkeit

Die Drogenkarriere von Jens Müller fängt früh an. Schon als Kind trinkt er Alkohol. Er hängt an der Flasche, um seine seelischen und körperlichen Schmerzen zu betäuben, die ihm sein gewalttätiger Vater zufügt. Mit 18 kommen härtere Rauschmitteln dazu, er wird abhängig. Crystal ist seine Einstiegsdroge. Nach dem Zusammenbruch der DDR kommt Anfang der 1990er Jahre Crystal aus Tschechien auf den Markt in Sachsen und Thüringen.

Hinterhof in Sachsen zeigt, dass die Trostlosigkeit auch noch mehr als 20 Jahre nach der Vereinigung beider deutscher Staaten. Copyright: Karin Jäger/ 13.06.2012, Rechtefrei für DW. DW/Karin Jäger

Drogenrausch gegen Trostlosigkeit im Alltag

Ein Kumpel legt Jens "die erste Bahn auf". Wie Kokain wird Crystal mit Hilfe von Papierröllchen geschnupft. Das gibt sofort einen Kick. Anfangs konsumiert er die Droge nur am Wochenende, erinnert er sich. Später braucht er Crystal auch vor der Arbeit: "Das war ein Aufputschmittel. Es wirkt schnell. Man war die ganze Zeit aktiv, rund um die Uhr."

Nach jedem Crystalkonsum scheinen sich seine Probleme in Luft aufzulösen. Er hat gute Laune, Glücksgefühle, die er nie so erlebt hat, braucht 30 Stunden keinen Schlaf. "Aber das ist ein Beschiss der Droge", sagt er rückblickend. Sobald die Wirkung nachlässt fällt er in ein Tief, wird unsicher, lethargisch, depressiv. "Man fühlt sich wie ein 80-Jähriger."

Crystal-Abhängige sehen auch so alt aus. Sie magern ab, die Haut wird faltig, die Augen fallen ein. Und die alten Probleme tauchen wieder auf, sobald die Wirkung der Droge nachlässt. Jens will aber keine Probleme haben und braucht immer mehr von dem Zeug."Es gibt so viele Drogenabhängige hier bei uns im Osten. Das ist der Wahnsinn. Und die sind 13, 14, werden immer jünger." Denn Crystal ist günstig, der Nachschub kein Problem.

Drogenschmuggel im Grenzgebiet

Wenige Kilometer südlich von Sachsen wird der Stoff auf tschechischem Staatsgebiet in illegalen Drogenküchen gemixt. Europas offene Grenzen begünstigen den Schmuggel. Diese Erkenntnis gewinnen die Beamten von Zoll und Bundespolizei, wenn sie Dealer oder Konsumenten mal erwischen. "Die Grenzkontrollen finden nur sporadisch statt seit Tschechien dem Schengen-Abkommen beigetreten ist und die Schlagbäume entfernt wurden", beschreibt Hauptkommissar Joachim Günther die Faktenlage. "Die Grenze ist durchlässiger geworden für solche Straftaten. Das ist eindeutig"

Joachim Günther, Erster Kriminalhauptkommissar, Dezernat für Drogen- und Rauschmittelbekämpfung, Polizei Sachsen, Zwickau. Copyright: Karin Jäger, 13.06.201, Rechtefrei für DW. DW/Karin Jäger

Dem Drogenhandel auf der Spur: Joachim Günther

Günther leitet in Zwickau das Kommissariat für Betäubungsmittelkriminalität im Polizeibezirk Südwestsachsen. Bei Kontrollen im grenznahen Bereich haben es die Fahnder zunehmend schwer, die Drogen überhaupt zu finden.

Der eigene Körper als Crystal-Versteck

"Männer führen Crystal in Plastikbeuteln anal ein, Frauen vaginal. Und nur mit großem Aufwand dürfen wir eine Leibesvisitation machen." Joachim Günther klingt resigniert, während er Utensilien aus der Asservatenkammer vorzeigt, in denen die Teufelsdroge geschmuggelt wird: darunter eine Batterie-Attrappe und ein Fahrradschlauch-Reparatur-Set.

Crystal Meth-Kristalle neben einer Attrappe einer Batterie, in der die Droge möglicherweise über die Grenze von Tschechien nach Deutschland geschmuggelt wird. Copyright: Karin Jäger/ 13.06.2012. Mit Genehmingung der Polizei Zwickau, rechtefrei für DW. DW/Karin Jäger

Crystal und Batteriehülse als Versteck

Der Konsum von Crystal ist nicht strafbar, weil das deutsche Strafgesetz davon ausgeht, dass der Konsument ein Opfer ist. Wer in Tschechien mit einer geringen Menge erwischt wird, muss wegen der Ordnungswidrigkeit nur eine geringe Geldbuße zahlen.

"Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit gestaltet sich schwierig auf Grund von Personalmangel, unterschiedlicher Gesetze, der Sprachbarrieren. Und wird letztendlich jemand geschnappt, schweigt er bei der Vernehmung", beschreibt Jochim Günther die gängige Praxis. 80 bis 120 Euro kostet das Gramm in Deutschland, in Tschechien 30 bis 40 Euro. Dort gibt es "Drogenküchen", die unter katastophalen hygienischen Bedingungen Crystal herstellen. Die Beschaffung großer Mengen des Rohstoffs in Apotheken ist dort kein Problem, auch ohne Rezept.

Mit Rattengift und WC-Reiniger gestreckt

Vietnamesenmarkt direkt hinter der Grenze auf tschechischer Seite bei Klingenthal/ Sachsen. Copyright: Karin Jäger/ 13.06.2012, Rechtefrei für DW DW/Karin Jäger

Unter der Ladentheke der Vietnamesenmärkte gibt es Crystal

Die Ware wird auf den Vietnamesenmärkten direkt an den Grenzen zu Deutschland verkauft. "Nach der Wende war die Qualität noch sehr gut", bestätigt Jens Müller. Heute ist das anders. Die Crystal-Grundsubstanz, ein Grippemittel, wird mit WC-Reiniger, gemahlenen Glassplittern, Strychnin, Rattengift oder Leim gestreckt. "Das ätzt die Schleimhäute weg, macht unempfindlich und beschleunigt die Wirkung", sagt Ex-Junkie Jens Müller lapidar, so als wäre das nicht schlimm.

"Die Nachfrage nach der Droge ist groß", bestätigt Hauptkommissar Günther im Präsidium in Zwickau. "Wir wissen, dass jeder Dealer zwischen 30 und 50 Abnehmer hat. Und wenn man sich so umhört an Orten, an denen sich Jugendliche treffen, dann erhält man von jedem Zweiten oder Dritten eine Antwort, wo man Crystal kaufen kann." Manchmal wenden sich verzweifelte Eltern hilfesuchend an die Polizei, weil sie nicht mehr wissen, wie sie mit ihrem süchtigen Kind umgehen sollen, erzählt Günther.

Die Spätfolgen und eine lebenslange Therapie

Jens Müller wurde auch irgendwann erwischt, und wegen des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz zu einer Haftstrafe verurteilt. Trotzdem konnte er nicht von der Droge lassen. Obwohl er zart und schutzbedürftig wirkt, muss Jens mit einer außergewöhnlichen Konstitution ausgestattet sein. "Zweimal habe ich eine Überdosis erwischt. Einige Ärzte hatten mich schon vor Jahren aufgegeben." Seine Hände zittern. "Ich leide unter Drogenpsychosen und bin deshalb von Medikamenten abhängig." Die muss er sein Leben lang nehmen, fügt sein Arzt Sven Kaanen hinzu. Jens Müller hört Stimmen aus dem Nichts, er leidet unter Verfolgungswahn. Ganz schlimm sei, dass er keinen Antrieb mehr habe, gleichzeitig im Innern eine unerträgliche Unruhe spüre.

Eiserner Wille, gute Konstitution und Psychotherapie

In der Klinik fühlt er sich sicherer als draußen, gibt Jens Müller zu, obwohl der Alltag hier straff organisiert ist, mit Sport, Beschäftigungs- und Arbeitstherapie, und er täglich früh aufstehen muss. "Es gibt Klinken, wo sie einem sagen, was man ist, aber hier werde ich wie ein Mensch behandelt nicht wie Abschaum", er zeigt einen Anflug von Lächeln.

Schranke vor der Asklepios-Klinik in Wildenfels-Wiesen: Hier darf nicht jeder hinein./ Copyright: Karin Jäger 13.06.2012, Rechtefrei für DW. DW/Karin Jäger

Barriere vor der Reha-Klinik in Wildenfels-Wiesen

Die Gespräche mit einem Psychotherapeuten helfen ihm sehr, gesteht er. Aber bald wird er in eine Wohngemeinschaft ziehen, wo er kontrolliert und betreut wird. "Ich freue mich darauf, weil alleine zu leben, schlimm wäre."

Jens Müller ist kein Ausnahmefall. 200 Crystal-Abhängige behandeln Sven Kaanen und seine Kollegen pro Jahr in Wildenfels-Wiesen. "Das ist nur die Spitze des Eisbergs", mutmaßt der Mediziner.

Jens Müller steht auf einem fragilen Fundament, er denkt nur von Woche zu Woche. Die Angst, wieder rückfällig zu werden, begleitet ihn, und die Furcht, seine 16-jährige Tochter könne auch auf den Crystal-Trip kommen. "Du brauchst dir keine Sorgen zu machen", hat sie ihren Vater beruhigt. Jens Müller hat auch noch Träume. Wieder eine eigene Familie zu haben, denn die erste Ehe ging wegen seiner Crystal-Abhängigkeit in die Brüche. Und ein Auto wünscht er sich. Viele Chancen - so die Ärzte - hat er wohl nicht mehr, sich etwas zu wünschen.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema