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Welt

Äthiopier kämpft in Berlin gegen Rassismus

Ausländerhass hat Mekonnen Shiferaw am eigenen Leib erlebt: zunächst in der DDR, später im wiedervereinten Deutschland. Um so engagierter kämpft der gebürtige Äthiopier im Berliner Brennpunkt Marzahn gegen Rassismus.

Mekonnen Shiferaw (Foto: DW/Yilma Hinz)

Anti-Rassismus Kämpfer Mekonnen Shiferaw

"Die Würde des Menschen ist unantastbar". Unübersehbar prangt das Plakat hinter dem Schreibtisch von Mekonnen Shiferaw. Der Geschäftsführer der interkulturellen Anlaufstelle "Haus Babylon" spricht am Telefon, seine Meinung ist gefragt, seitdem die Republik über die rechtsradikale Gewaltwelle und ein NPD-Verbot diskutiert.

"Die Rechten haben ihren Auftritt im Gegensatz zu früher total geändert", sagt Shiferaw nachdenklich, "doch die Menschen, die rechtsradikal eingestellt sind, die sind immer noch da".

Wenn der Äthiopier Mekonnen Shiferaw das rechtradikale Bedrohungspotential von heute mit "früher" vergleicht, dann schweifen seine Gedanken zurück in das Jahr 1980. Damals kommt er mit einem Stipendium aus seiner Heimat in die DDR, um in Leipzig Journalismus zu studieren. Er will nicht lange bleiben und denkt schon gar nicht daran, ein Jahrzehnt später den Fall der Mauer als Zeitzeuge mitzuerleben. Neben seiner Doktorarbeit über Massenmedien in der Dritten Welt arbeitet Shiferaw beim Sender Freies Berlin (SFB), doch sein Herz ist weiter in der afrikanischen Heimat, wo der autokratisch herrschende Mengistu haile Mariam die Pressefreiheit mit Füßen tritt. Aus dem Exil in Leipzig trommelt Shiferaw, der Generalsekretär des äthiopischen Journalistenverbandes ist, gegen die Militärs. Die senden eine Delegation in den befreundeten Arbeiter- und Bauernstaat, um die Auslieferung des Regimekritikers zu betreiben. Shiferaw hat Glück, er darf bleiben, verliebt sich in eine Ostdeutsche - und sieht sich sich wieder staatlicher Repression ausgeliefert, als die DDR dem Paar die Hochzeit verweigert.

Leidvolle Erfahrungen in Ost und West

Shiferaw bei Aufklärungsarbeit in einer Berliner Schule (Foto: DW/Yilma Hinz)

Mekonnen Shiferaw bei einem präventiven Integrationsprojekt an einer Berliner Schule

"Der Mann, vor dem 1000 Leute Angst haben" - so lautet der Name "Shiferaw" übersetzt. Doch in Lepizig und später im wiedervereinten Berlin ist es der Äthiopier selbst, der sich fürchten muss.

"Meine Kinder wurden in der Schule diskriminiert und haben dort schlimme Erfahrungen gemacht", erinnert er sich. Er selbst wurde beleidigt, auf offener Straße angespuckt.

Die tagtäglich erfahrene Ausgrenzung machte aus dem äthiopischen Fernseh-Journalisten Shiferaw einen Anti-Rassismus-Engagierten und schließlich, 1992, den Geschäftsführer von "Babel e.V" in Berlin. "Unser Ziel war es, Menschen unterschiedlicher ethnischer Gruppen, Religionen und Herkunft näher zusammenzubringen, um gegenseitige Vorurteile abzubauen", so Shiferaw. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei Jugendlichen und Kindern - "wir wollten dort präventiv arbeiten".

Doch im Problembezirk Marzahn sind Shiferaw und seine Mitarbeiter zunächst nicht gern gesehen, die ersten Schulbesuche verlaufen dramatisch. "Wir wurden angespuckt, beleidigt, rassistisch diskriminiert". Shiferaw, der ein multinationales Team junger Menschen für die Projektbesuche zusammengestellt hat, bekommt Schwierigkeiten, seine Mitarbeiter zu halten. Viele weigern sich, weiter in die Schulen zu gehen - aus Angst vor Übergriffen. 1999 und 2005 ist das "Haus Babylon" Ziel von Brandanschlägen, der Äthiopier bekommt anonyme Telefondrohungen. Doch Shiferaw und sein Team geben nicht auf, und heute ist sein Zentrum mit 1300 Besuchern im Monat eine gefragte Anlaufstelle für Migranten bei ihren ersten Gehversuchen in der neuen deutschen Heimat. Shiferaw ist Pate des Berliner Projektes "Schulen gegen Rassismus", sitzt in Beiräten oder schickt ein bunt gewürfeltes Team junger Leute auf die Berliner Projektplattform "Respekt gewinnt".

Preiswürdig

2010 erhält er für sein Engagement gegen Rassismus und Intoleranz die Integrationsmedaille der Bundesregierung. Natürlich habe er nach wie vor manchmal Angst, erklärt der promovierte Journalist zwischen Telefonaten. Aber er könne auf viele Unterstützer zählen, "es gibt viele Menschen, die auf unserer Seite stehen, und das gibt uns den Mut und die Stärke, dass wir in die Zukunft schauen und weiterarbeiten".

Aktionsplan statt Aktionismus

Anti-Rassismus-Engagement im Berliner Problembezirk Marzahn (Foto: DW/Yilma Hinz)

Anti-Rassismus-Engagement im Berliner Problembezirk Marzahn

Zu der gegenwärtigen Diskussion um ein Verbot der rechtsradikalen NPD hat der Äthiopier eine klare Meinung. Man könne durch ein Verbot der NPD den Rechtsradikalismus nicht ausmerzen. Im Gegenteil: die Ewiggestrigen kämen in anderer Form und mit einer neuen Partei zurück. "Aber es wäre nicht schlecht, wenn die Politik wirklich eine kontinuierliche Maßnahme durchführt und nicht nur, wenn bestimmte Ereignisse passieren", mahnt der Preisträger. "Sozialarbeit statt Sammeldatei" - auf diese Formel lässt sich in diesen aufgeregten Tagen die Philosophie des Äthiopiers Mekonnen Shiferaw bringen, jenes Mannes, der nicht länger Angst haben will vor der rechten Gewalt. "Kontinuierliche Maßnahmen gegen Rechts sind sehr wichtig für dieses Land und für diese Gesellschaft".

Autor: Yilma Hinz
Redaktion: Ludger Schadomsky

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