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Wissen & Umwelt

Äthiopiens Wüste wird grün

Durch Wasser- und Winderosionen gehen weltweit massenhaft Nutzflächen verloren. In Äthiopien will die Regierung mit deutscher Hilfe Land zurückzugewinnen, um Bodenqualität und Ernährung zu sichern.

Für Johannes Schoeneberger kam die Katastrophe nicht überraschend: "Das El Niño-Phänomen ist vorausgesagt worden." Die Erwärmung der Ozeane an der Pazifikküste sei ein sicheres Zeichen gewesen.

Schoeneberger, der im Auftrag der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) seit sechs Jahren Landwirte in Äthiopien berät, ist braun gebrannt von der Sonne. Die Auswirkungen der Dürre bekam er vor Ort zu spüren.

"Äthiopien hat zwei Regenzeiten, eine kleine im April und eine große im August." Im April vergangenen Jahres säten die Bauern aus, doch dann blieb der große Regen aus. Mit verheerenden Folgen: Die Anbauprodukte vertrockneten auf den Äckern. Acht Millionen Äthiopier sind in dem Land am Horn von Afrika permanent auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Durch die Dürre können sich weitere zehn Millionen nun nicht mehr selbst versorgen.

Äthiopien Steinterassen gegen Bodenerosion in Nord-Äthiopien Foto: Thomas Imo/GIZ

Steinterrassen gegen Bodenerosion im Norden Äthiopiens

Dürre frisst Land

Immerhin hat die Regierung im ostafrikanischen Land Dschibuti reagiert und ein Sozialprogramm aufgelegt: Bedürftige legen an Berghängen Terrassen an, heben Versickerungsgräben aus. Die Maßnahmen sollen die Erosion stoppen, Grundwasser auffüllen. Als Lohn erhalten die Arbeiter Naturalien.

Infolge der Ernteausfälle muss das Land Weizen importieren. "Mit Hilfe des Welternährungsprogramms ist die weltweit größte langfristige Nahrungsmittel-Unterstützungsaktion angelaufen", berichtet Schoeneberger mit bewegter Gestik. Die Regierung habe eine Eisenbahnstrecke vom Hafen zu großen Getreidelagern bauen lassen, doch die Vorräte seien nun aufgebraucht.

Schoeneberger ist kein Katastrophenhelfer, sondern Berater für nachhaltige Landwirtschaft. Der Regen habe endlich eingesetzt, sagt er - aber stärker als gewöhnlich. "Wie in allen gebirgigen Ländern leiden die Böden durch Beweidung, Entwaldung, Bevölkerungswachstum und den damit verbundenen Druck auf die natürlichen Ressourcen. Die Böden werden degradiert und schließlich abgeschwemmt durch Starkregen." Die Ackerflächen, die allein in Äthiopien jährlich verloren gehen, würden einen Güterzug von einer Länge füllen, der zweimal um den Äquator reicht.

Johannes Schoeneberger Foto: Karin Jäger

Johannes Schoeneberger ist stolz, helfen zu dürfen

Weiteres Dilemma: In Äthiopien werden Stauseen angelegt, doch füllen diese sich mit der Erde, die durch die Erosion frei wird. "Die Investitionen werden so, im wahrsten Wortsinn, in den Sand gesetzt", sagt Schoeneberger.

Nachhaltige Landbewirtschaftung soll die Bodendegradation in einem Drittel des Landes aufhalten. Äthiopiens Regierung hat dazu ein Programm aufgelegt, das finanziell und technisch von Weltbank, Kanada, EU und der GIZ unterstützt wird.

"Durch eine möglichst geringe Bodenbearbeitung durch Mensch und Maschinen und den Erhalt von Ernteresten soll der Boden vor Erosion geschützt werden", erklärt Alexander Erlewein vom Wüstensekretariat der Vereinten Nationen (UNCCD). Auch Fruchtwechsel, der Anbau unterschiedlicher Pflanzen an gleicher Stelle, ist wichtig für Nährstoff- und Humusgehalt und wirkt Schädlingsbefall entgegen.

Terrassenbau verhindert Wüstenbildung

Laut Johannes Schoeneberger hat das Anlegen von Terrassen im Bergland Erfolge gebracht: "Das ist in Asien und Lateinamerika gängige Praxis. Die Terrassen halten die großen Wassermassen auf, schützen vor Hangabrutschungen."

Alexander Erlewein Foto: Adefris Worku

Rehabilitation der Natur ist möglich: Wald in der Wüste Äthiopiens

Eine andere Strategie sieht vor, Beweidung und Entwaldung zu stoppen. "Die Bäume an den Hängen wurden gefällt, um daraus Brenn- oder Bauholz zu machen oder die landwirtschaftlichen Flächen zu erweitern", sagt Schoeneberger. "Doch nun fehlen die Wurzeln, die als Schwamm im Boden das Wasser aufgehalten haben." Die Wassermassen laufen ab und reißen den Boden mit sich.

Regeln gegen Überweidung

Man habe mit den Gemeinden vereinbart, die Hänge zu schonen, sagt Schoeneberger. "Ein massiver Eingriff war das: Es gab Widerstand, weil Generationen zuvor das Vieh an Hängen weiden ließen", erinnert er sich. Trotzdem sei es innerhalb von fünf Jahren gelungen, die Bauern von der Maßnahme zu überzeugen, weil sie die Vorteile gesehen hätten.

Man habe weder Broschüren verteilt noch Techniker von der Uni in die Dörfer geschickt, um der Landbevölkerung Vorschreibungen zu machen, sagt Schoeneberger. "Die Regierung hat einige Landwirte gesucht, die das Vorhaben erfolgreich getestet haben. Und diese haben dann andere von der Umstellung überzeugt."

Schoeneberger redet selten von eigenen Erfolgen - er ist der Macher im Hintergrund: "Ich sehe kein Vieh mehr frei draußen, es steht umzäunt auf Weiden. Aber zu sehen sind Farmer, die Heu machen." Das Programm komme allen zugute. "Die Tiere bekommen das Heu vorgesetzt, sie müssen nicht mehr selbst nach Futter suchen und setzen mehr Gewicht an."

Alexander Erlewein Foto: Karin Jäger

Alexander Erlewein: UNCCD will Wüsten grün machen

Die Umstellung lohne sich sowohl betriebs- als auch volkswirtschaftlich. "Der Boden ist Produktionsfaktor in der Landwirtschaft. Aber er speist Grundwasser, speichert Schadstoffe und Treibhausgase", argumentiert UN-Wüstenexperte Alexander Erlewein. Leider sei das Wissen darüber der Öffentlichkeit kaum bewusst. Deshalb versuche man, Länder von der Wirksamkeit der Bodensanierung zu überzeugen. Dazu hat die sogenannte UN-Wüstenkonvention, die sich für Vermeidung und Verhinderung von Wüstenbildung einsetzt (UNCCD), einen Landdegradationsneutralitätsfonds (LDN) eingerichtet. Damit sollen degradierte Flächen für eine nachhaltige und produktive Nutzung kultiviert werden. Langfristig sollen private Investoren diese Flächen bewirtschaften.

Zur Stabilisierung des Bodens werden Bäume und Gräser angepflanzt. "Oft reicht es auch aus, fünf Jahre zu warten, weil im Boden verbliebene Samen anfangen zu sprießen. Das spart viel Geld", sagt Johannes Schoeneberger.

In Äthiopien sind bisher 390.000 Hektar Fläche rehabilitiert worden. Der Grundwasserspiegel ist deutlich angestiegen. Ganze Wüstenlandschaften sind nun einem satten Grün gewichen, das man sogar auf Satellitenbildern erkennt. "Die Produktivität ist in diesen fünf Jahren zwischen 35 und 80 Prozent gestiegen. Darauf ist die äthiopische Regierung stolz", sagt Schoeneberger und legt noch nach: "Und wir, die wir dabei helfen dürfen, sind ebenso stolz."

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