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Afrika

Äthiopiens Armee will verschleppte Kinder befreien

Eine Woche nach dem tödlichen Überfall in der äthiopischen Grenzregion Gambella ist die Armee in das Nachbarland Südsudan einmarschiert. Sie will die Täter fassen und mehr als 100 entführte Kinder befreien.

äthiopische Soldaten Foto: picture-alliance/dpa/A. Albadri

Äthiopische Soldaten (Archivbild)

Noch immer haben die Eltern kein Lebenszeichen, wissen nicht, wie es ihren Kindern geht. Mehr als 100 Jungen und Mädchen aus der Gambella-Region im äußersten Westen Äthiopiens sind seit einer Woche verschwunden, verschleppt von Milizen aus dem benachbarten Bürgerkriegsland Südsudan.

Am vergangenen Freitag hatten Bewaffnete mehrere Dörfer in der Provinz Gambella überfallen, Viehherden abgeschlachtet und mehr als 200 Menschen getötet. Als sie wieder abzogen, nahmen sie offenbar 2000 Rinderköpfe mit - und die Kinder.

Befreiungsaktion im Dschungel

Die genauen Motive der Angreifer sind nach wie vor unklar. Die äthiopische Regierung macht bewaffnete Milizen aus der Volksgruppe der Murle verantwortlich und hat inzwischen die Armee in den Südsudan entsandt. Soldaten hätten dort ein Gebiet umstellt, kündigte ein Regierungsbeauftragter im staatsnahen Fernsehsender Fana Broadcasting Corporate an; die verschleppten Kinder würden in Kürze befreit.

Ein Junge hütet Rinder im Südsudan Foto: PETER MARTELL/AFP/Getty Images

Im Grenzgebiet gibt es immer wieder Überfälle auf Hirten und Viehherden

Erfolgsmeldungen, die viele Äthiopier trotzdem skeptisch sehen. "Die Regierung ist unfähig, ihre Bürger zu beschützen", schreibt ein DW-User aus Äthiopien auf Facebook, ein anderer fügt hinzu: "Das wäre doch gar nicht erst passiert, wenn die Sicherheitsbehörden in Gambella genügend Waffen gehabt hätten, um sich zu verteidigen."

Was steckt hinter der Gewalt?

Es ist nicht der erste Überfall in der Region, aber einer der folgenschwersten. Äthiopien und Südsudan teilen sich eine lange, sehr poröse Grenze. Immer wieder gibt es von beiden Seiten aus Raubüberfälle auf Hirten und ihre Viehherden, sogenannte 'cattle raids'. "Aber so einen massiven Angriff mit so vielen Toten und Entführten hat es in Äthiopien bislang noch nicht gegeben", sagt Hallelujah Lulie, Analyst am Institut für Sicherheitsstudien in Addis Abeba (ISS). "Wir wissen nicht genau, was dahinter steckt. Solche 'cattle raids' hatten in der Vergangenheit nie einen politischen Hintergrund, sondern waren eher kulturell geprägt. Aber in den letzten Jahren hat sich das verändert, die Region ist allgemein instabiler geworden und es sind kriminelle Banden unterwegs, die zum Teil auch politische Ziele haben."

Das hänge auch mit dem Bürgerkrieg im Südsudan zusammen: Im jüngsten Staat der Welt tobt seit Dezember 2013 ein Machtkampf zwischen den Anhängern von Präsident Salva Kiir und seinem langjährigen Rivalen Riek Machar. Die beiden gehören verschiedenen Volksgruppen an - Kiir den Dinka und Machar den Nuer. Mehr als 50.000 Menschen wurden getötet, mehr als 2,5 Millionen vertrieben. Das Chaos begünstige auch Überfälle in der Grenzregion, sagt Analyst Lulie. "Im Südsudan sind jetzt viel mehr Waffen in Umlauf und es gibt viel mehr Gebiete, die sich jeglicher staatlicher Kontrolle entziehen."

Karte Äthiopien Südsudan Gambella DEU

Seit Beginn des Bürgerkriegs im Südsudan ist die Grenzregion extrem unsicher geworden

Bislang hat sich Äthiopien als Vermittler in den Friedensverhandlungen zwischen Kiir und Machar stark gemacht. Das Land sieht darin auch Chancen, international und regional an Einfluss zu gewinnen. Doch der Waffenstillstand im Südsudan ist äußerst brüchig. Gerade erst hat Riek Machar seine Rückkehr ins Land erneut verschoben - er hält sich zurzeit in Äthiopien auf.

Ein Krieg, der anstecken kann

In Äthiopien wächst die Angst, die Gewalt und Instabilität könnte übergreifen. Hunderttausende Südsudanesen, vor allem Nuer, sind nach Gambella geflohen. Auch für die kleine Volksgruppe der Murle sind ethnische Gewalt und Vertreibungen bereits seit Jahren bittere Realität. Je mehr Flüchtlinge aus dem Südsudan kommen, desto größer werden die Sorgen, existierende Konflikte könnten sich weiter verschärfen. Denn auch in Gambella ringen ethnische Gruppen um Macht und Einfluss - vor allem Nuer und Anuak.

Flüchtlinge aus Südsudan in Äthiopien Foto: ZACHARIAS ABUBEKER/AFP/Getty Images

Hunderttausende Südsudanesen sind nach Äthiopien geflohen

Vor Ausbruch des Bürgerkriegs im Südsudan haben beide Staaten oft zusammengearbeitet, um die Gewalt entlang der Grenze eizudämmen. Und auch bei der Befreiung der verschleppten Kinder setzten Äthiopien und Südsudan jetzt offenbar auf Kooperation. Die äthiopische Regierung hatte nach eigenen Angaben bereits vor einer Woche um Erlaubnis gebeten, bei der Verfolgung der Angreifer auch auf südsudanesischen Boden vordringen zu dürfen. Es liefen Vorbereitungen für einen gemeinsamen Einsatz, zitiert jetzt auch die Zeitung Sudan Tribune den südsudanesischen Außenminister Peter Bashir Gbandi. Der Armeechef, so Gbandi weiter, werde sobald wie möglich in die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba reisen, um sich mit seinen Kollegen dort zu koordinieren. Man wolle jedoch nicht, dass äthiopische Truppen zu weit auf südsudanesischen Boden vordringen, zitiert die Nachrichtenagentur AP Gbandi.

Wie viele Soldaten genau im Einsatz sind, wurde nicht bekannt. Viele Eltern in Gambella sind auf die Straßen gegangen. Sie fordern die Regierung auf, jetzt schnell zu handeln. Viel zu lange sind ihre Kinder bereits verschwunden - irgendwo im südsudanesischen Dschungel.

Mitarbeit: Mantegaftot Sileshi

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