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Fokus Südosteuropa

Ärzteschwemme aus dem Osten?

Polnische, bulgarische und rumänische Ärzte finden in Deutschland bessere Stellen als zuhause. Ab 1. Mai gilt Freizügigkeit für Polen, noch nicht für die jüngsten EU-Länder Bulgarien und Rumänien. Ist das ein Hindernis?

Ärztin mit Stethoskop in der Hand (Foto: Fotolia)

Interesse am deutschen Arbeitsmarkt

Über 5000 polnische Ärzte haben das Land in den ersten drei Jahren nach dem EU-Beitritt verlassen. So viele, dass Ärzteverbände im Land 2007 Alarm geschlagen haben. Lukrative Angebote haben die Mediziner nach Großbritannien, Schweden oder in die Schweiz gelockt. Viele sind auch nach Deutschland ausgewandert. Allerdings gab es Arbeitsmarktbeschränkungen in Deutschland, aber auch in Österreich. Diese fallen nun am 1. Mai. Die Furcht in manchen Medizinerkreisen vor einem erneuten Ansturm von polnischen Ärzten auf den deutschen Arbeitsmarkt betrachten polnische Experten als unbegründet. Die Arbeitsplätze in Deutschland sind indes auch bei Ärzten aus den neuen EU-Mitgliedersstaaten Bulgarien und Rumänien begehrt. Diese müssen noch zwei Jahre auf einen freien deutschen Arbeitsmarkt warten.

Migrationswille gesunken

Zahnärztin und Assisentin bei der Behandlunge eines Patienten in einer Zahnklinik Szczecin (Foto: dpa)

Für polnische Ärzte lohnt sich die Arbeit im eigenen Land

Die Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes wird jetzt keine neue Migrationswelle von polnischen Ärzten in die Bundesrepublik auslösen, sagt Bogdan Milek voraus, Vorsitzender des Verbandes polnischer Ärzte in Deutschland: "Es wird sich nichts ändern, da bereits sehr viele Ärzte aus Polen - ich schätze mal über 5000 - in Deutschland arbeiten, zunächst kamen die Spätaussiedler und Flüchtlinge und später Fachleute." Außerdem waren Milek zufolge die bisher bestehenden Einschränkungen leicht zu überwinden - für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Dass kein weiterer Exodus aus Polen zu erwarten ist, glaubt auch das polnische Gesundheitsministerium. Die Ärzte würden sogar zurückkommen, hieß es aus Warschau. Die steigenden Löhne in Polen haben dazu beigetragen. Außerdem hat die Wirtschaftskrise die Bedingungen für die polnischen Ärzte im Ausland verschlechtert, heißt es im Ministerium. Dieser Einschätzung stimmen die polnischen Ärzteverbände zu - im Vergleich zum Jahr 2004 hätten sie zehnmal weniger Bescheinigungen erstellt, die für eine Beschäftigung im Ausland notwendig sind.

Schlechte Infrastruktur und Korruption

Viele Eurogeldscheine mit einem Stethoskop

Patienten müssen Leistungen zuzahlen

Auch für migrationswillige bulgarische Mediziner ist der EU-Beitritt mit gewissen Erleichterungen verbunden gewesen - auch wenn die Einschränkungen für den EU-Arbeitsmarkt bis 2013 bestehen bleiben. Ihre Abschlüsse werden in fast allen westeuropäischen Ländern problemloser anerkannt als vor dem EU-Beitritt. Laut dem bulgarischen Ärzteverband haben im vergangenen Jahr etwa 500 Ärzte das Land verlassen, Tendenz steigend. Denn nur im ersten Quartal 2011 hat der Verband bereits 145 Bescheinigungen für eine Auslandsbeschäftigung ausgestellt. Kein Wunder, denn für die gleiche Tätigkeit bekommen bulgarische Ärzte etwa die zehnfache Bezahlung in Westeuropa. Ein Arzt mit einer dreifachen Spezialisierung verdient in der bulgarischen Hauptstadt etwa 370 Euro monatlich, berichtet der Ärzteverband.

Die Ärzte möchten aber nicht nur den niedrigen Gehältern entfliehen, sondern auch der schlechten Infrastruktur und Ausrüstung in den Krankenhäusern. Die Korruption ist ein weiteres Merkmal des bulgarischen Gesundheitssystems: Viele Patienten sehen sich gezwungen, bestimmte Leistungen und Medikamente aus eigener Tasche zu zahlen, obwohl sie krankenversichert sind.

Eine fachärztliche Ausbildung unter solchen Bedingungen zu absolvieren, ist nicht gerade motivierend, erzählt Nevjana Dragneva. Und damit ist sie nicht die einzige, die so denkt: "Die meisten wollen in Bulgarien nicht einmal ihre Facharztausbildung machen, denn die Bedingungen sind wirklich schlecht." Die Pforte nach Westeuropa sei schon lange offen. Viele junge Bulgaren hätten schon während des Studiums Auslandserfahrung gesammelt und könnten die Situation dort mit Bulgarien vergleichen. Viele Studenten entschieden sich deshalb, ihre Facharzt-Ausbildung im Ausland zu machen, sagt die 31-Jährige.

Ärztemangel absehbar

Arzt mit Tasche als Comic (Foto: Fotolia)

Gerade junge Fachärzte wollen ins Ausland

Besonders enttäuschend ist für die angehenden Mediziner, dass die Ausbildungsjahre für den Facharzt in Bulgarien nicht als Arbeitsjahre angerechnet werden. Nur einige wenige bekommen in dieser Zeit umgerechnet 240 Euro monatlich, davon müssen sie sich aber selber sozial versichern. Nevjana Dragneva muss die Sozialleistungen nicht nur selber tragen, sondern für ihren Facharzt noch 90 Euro monatlich privat bezahlen. Auch bei ihr werden die Ausbildungsjahre nicht als Arbeitsjahre anerkannt. Sie hatte bereits 2004 ihr Studium abgeschlossen, musste aber vier Jahre auf einen Ausbildungsplatz warten, weil das System reformiert und in dieser Zeit keine Spezialisten ausgebildet wurden.

Die vier Nulljahre für den Facharzt würden sich auf lange Sicht bemerkbar machen, sagt Nevjana Dragneva. Im Moment spüre man noch keinen Ärztemangel, es wanderten aber immer mehr Mediziner aus. Das habe schon zu Engpässen in hoch spezialisierten Medizinbereichen wie Anästhesiologie (Anm. d. A.: Fachbereich in der Medizin, der alle Formen der Anästhesieverfahren umfasst) und pathologischer Anatomie (Anm. d. A.: Zweig der Medizin, der die Entstehung krankhafter bzw. abnormer Phänomene im Körper erforscht) geführt. Ein Ärztemangel sei aber mittelfristig nicht zu befürchten, so der Ärzteverband. Längerfristig werden viele der etwa 33.000 Ärzte in Rente gehen. Dann könnte das Problem akut werden.

"Wie auf dem Schlachtfeld"

Leerer Operationssaal im rumänischen Tirgu Mures (Foto: Birgit Augustin)

OPs bleiben aus Personalmangel leer

Das rumänische Gesundheitswesen hat mit ähnlichen Problemen wie das bulgarische zu kämpfen. Die Ärztemigration ist aber viel größer als die aus Polen und Bulgarien. Seit dem EU-Beitritt 2007 haben 6000 Ärzte, Zahnärzte und Pharmazeuten das Land verlassen. Tausende haben sich Anfang 2010 bei spezialisierten Jobmessen abwerben lassen. Zudem sei Rumänien auf einem der letzten Plätze in der EU, wenn es um die Zahl der behandelnden Ärzte im Verhältnis zur Bevölkerungsdichte gehe. Etwa zwei Ärzte kämen auf 1000 Einwohner. Der EU-Durchschnitt liege bei etwa 3,3, sagt die rumänische EU-Abgeordnete Oana Antonescu.

Der Exodus rumänischer Ärzte sei ein Beweis für das Versagen der Politik, meint Gheorghe Andrei Dan von der Medizinischen Fakultät in Bukarest. "In Rumänien wird Medizin wie auf dem Schlachtfeld praktiziert", sagt Dan. Es sei kaum Geld für Investitionen in neue Technologie vorhanden und der Modernisierungsprozess ist langsamer als in anderen Ländern. "Man kann einfach nicht von einem ausgezeichneten jungen Arzt verlangen, ein Märtyrer der Medizin in Rumänien zu werden, wenn er oder sie in Westeuropa oder den USA mit seinen Kenntnissen Medizin des 21. Jahrhunderts praktizieren könnte", kritisiert der Experte.

Und zu Recht, im Sommer 2010 hat die rumänische Regierung die Gehälter im öffentlichen Dienst - das medizinische Personal eingeschlossen - um 25 Prozent gekürzt, um den Haushalt zu sanieren. Somit hat sich die ohnehin schlechte Bezahlung der Ärzte noch einmal verringert. Und den Ärzten noch einen Grund für die Emigration geliefert. Denn solange sich die Bedingungen im Gesundheitssystem nicht ändern, werden die Ärzte nach Westeuropa auswandern, auf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen und Anerkennung.

Autorin: Blagorodna Grigorova
Redaktion: Verica Spasovska