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Asien

Ärzte werfen Japan Vertuschung vor

Drei Jahre nach Fukushima wirft die Organisation Ärzte gegen den Atomkrieg Japan vor, Strahlenopfer von Vorsorge-Untersuchungen fernzuhalten. Journalisten, die über die Katastrophe berichten, würden schikaniert.

Strahlungsmessung in Fukushima (Bild: Getty Images)

Strahlungsmessung am Unglücksort

Oshidori Mako ist in Japan als Fernsehkomödiantin bekannt. Doch die Verantwortlichen beim japanischen Atomkraftwerkbetreiber Tepco dürften die junge Frau überhaupt nicht komisch finden. Seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 erscheint Oshidori regelmäßig bei den Pressekonferenzen des Konzerns und fragt nach Arbeitern, die während der Aufräumarbeiten gestorben sind oder nach Messergebnissen in bestimmten Gebieten rund um die Atomruine. "Sie haben meine Frage nicht beantwortet, deshalb nochmal….", sagt sie freundlich, wenn sich die Sprecher des Konzerns um eine Antwort winden. Manchmal beharrt sie so lange auf ihrer Frage, bis sie von entnervten Kollegen gebeten wird, das Gespräch mit den Konzernvertretern doch bitte außerhalb der Pressekonferenz fortzusetzen.

Vertuschung der Folgen

Als freie Journalistin hat sich Oshidori die Aufklärung der Atomkatastrophe und ihrer Folgen vorgenommen. Sie kritisiert, Tepco und die Regierung versuchten gemeinsam, die Folgen von Fukushima zu vertuschen. Derzeit ist sie auf Einladung der Organisation 'Internationale Ärzte für die Verhütung eines Atomkriegs' (IPPNW) in Deutschland und berichtet von ihren Recherchen rund um die Katastrophe. Tepco versuche systematisch zu verschleiern, wie viele der so genannten Liquidatoren, die am Unglücksort aufräumen, durch die Strahlung krank geworden und gestorben seien, sagt sie. So würden nur diejenigen gezählt, die während der Arbeit tödlich verunglückten. Wer an den Folgen der Verstrahlung sterbe, tauche in den Statistiken nicht auf. Mit Tricks würde Tepco die Arbeiter außerdem von der Krebsvorsorge fernhalten, die ihnen zusteht. Kurz bevor ihre Strahlendosis eine Untersuchung verpflichtend macht, würden sie abgezogen. Außerdem würden am Unglücksort überwiegend Tagelöhner eingesetzt, die gar keinen Zugang zum Vorsorgeprogramm des Konzerns erhielten.

Seit sie über die Atomkatastrophe berichtet, erzählt Oshidori, werde sie vom Geheimdienst überwacht. Ihre Gesprächspartner würden dadurch eingeschüchtert. Auch die Organisation 'Reporter ohne Grenzen' kritisiert, dass insbesondere freie Journalisten, die über die Atomkatastrophe berichten, regelmäßig schikaniert würden. Hinzu komme ein neues Geheimhaltungsgesetz, mit dem Informationen durch die Regierung mehr oder weniger nach Gutdünken als geheim klassifiziert werden könnten. Beamte, die solche Informationen weitergeben, würden hart bestraft. Oshidoris Fazit nach fast drei Jahren fällt harsch aus: "Ich bin überrascht", sagt sie, "dass Japan in Europa als Demokratie wahrgenommen wird."

Immer neue Pannen

Die Regierung in Tokio scheint fest entschlossen, zur Atomkraft zurückzukehren. Im Februar kündigte Industrieminister Toshimitsu Motegi die Fertigstellung von drei neuen Reaktoren an. Ihr Bau war nach der Katastrophe von Fukushima ausgesetzt worden. Doch weil die hohen Öl- und Gaspreise das Land wirtschaftlich unter Druck setzen, möchte die Regierung das Atom-Moratorium möglichst schnell beenden. Derweil kommen aus der havarierten Anlage immer wieder neue Pannen-Meldungen. Erst Ende Februar wurde bekannt, dass

erneut dreihundert Tonnen radioaktives Wasser

bei Fukushima ins Meer geflossen sind. Sie waren in Metalltanks auf dem Gelände gelagert worden, die offenbar nicht regelmäßig kontrolliert werden.

Angelika Claußen (Bild: IPPNW)

Angelika Claußen, Internationale Ärzte für die Verhütung eines Atomkriegs

IPPNW warnt unterdessen vor steigenden Krebsraten unter der Bevölkerung. Bei den Vorsorgeuntersuchungen in der Gegend um Fukushima sei vermehrt Schilddrüsenkrebs bei Kindern festgestellt worden, sagt Angelika Claußen von der Ärzteorganisation. Die Erfahrung von Tschernobyl zeige, dass dies erst der Anfang sei. In Weißrussland erkrankten immer noch überdurchschnittlich viele Menschen an Schilddrüsenkrebs. "Es gibt kein Leben nach Fukushima, es gibt nur ein Leben mit Fukushima", folgert die Ärztin.

Allerdings würden im Gesundheitssystem solche Strahlenschäden systematisch verschliert, sagt Claußen, mit Folgen für die Patienten, die dadurch nicht die angemessene Behandlung bekämen. So hätten die Krankenkassen strenge Regeln aufgestellt, nach denen Ärzte außerhalb der staatlichen Programme nur dann Krebsuntersuchungen durchführen dürfen, wenn sie ein Verdachtsmoment haben. Den Strahlen ausgesetzt gewesen zu sein genüge dafür nicht, sagt Claußen. Viele Erkrankungen könnten dadurch nicht rechtzeitig erkannt werden. "Hier gilt das Prinzip: Wer nicht sucht, der findet auch nichts", sagt sie. "Das ist ein Verbrechen an den Menschen."

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