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Krise in der Demokratischen Republik Kongo

Ärzte ohne Grenzen: "Unvorstellbare Gewalt" in der kongolesischen Krisenprovinz Kasai

Immer wieder wird die Provinz Kasai im Kongo von heftigen Kämpfen erschüttert. Joanne Liu, Präsidentin der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen', war vor Ort. Im DW-Interview schildert sie ihre Eindrücke.

In der Kasai-Provinz in der Demokratischen Republik herrscht seit einem Jahr brutale Gewalt. Mehr als eine Million Menschen sind nach UN-Angaben auf der Flucht. Weite Teile der Region sind aufgrund der Auseinandersetzungen auch für humanitäre Helfer nicht zugänglich. Joanne Liu, Präsidentin der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF), hat die Region besucht. Im DW-Interview schildert sie ihre Eindrücke.

DW: Dr. Liu, Sie sind gerade von einer Reise in die Kasai-Provinz zurückgekehrt. Die Region leidet unter gewaltigen Konflikten und einer humanitärer Krise. Was haben Sie gesehen, als Sie dort waren?

Joanne Liu: Ich war vor wenigen Wochen in Kasai und habe unsere Projekte besucht. Wir betreiben im Krankenhaus der Stadt Kananga eine Notaufnahme mit 70 Betten. Ich habe auch unsere Teams mit den mobilen Kliniken begleitet. Auf den ersten Blick scheint nicht viel zu passieren, vor allem in der Stadt Kanaga scheint das Leben seinen gewohnten Gang zu gehen. Nur wenn man mit den Menschen spricht, hört man, was für eine unvorstellbare Gewalt geschehen ist.

Als ich unsere Notaufnahme besucht habe, habe ich Menschen gesehen, die durch Macheten oder Kugeln verletzt worden sind - das sind schwere Verletzungen, die mit den großen Gewaltausbrüchen zusammenhängen. Die Berichte sind immer die gleichen: Es kommt zu einem Gewaltausbruch, die Bevölkerung wird in das Chaos hineingezogen und verletzt. Viele Menschen haben danach so große Angst, dass sie sich nicht sofort in Behandlung begeben. Sie fliehen aus ihren Dörfern und verstecken sich tage- oder auch wochenlang, bis sie sich sicher genug fühlen, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wir haben Menschen mit schmutzigen, oft auch infizierten Wunden gesehen. Es gab Fälle von Osteomyelitis und komplizierte offene Brüche.

Flüchtlinge aus der Kasai-Provinz in einem angolanischen Flüchtlingslager (DW/N. Sul d'Angola)

Viele Menschen sind vor der Gewalt geflohen

DW: So wie Sie die Lage beschreiben, müssen diese Menschen stark traumatisiert sein und versuchen, sich durch die Flucht Erleichterung zu verschaffen. Wie kann MSF ihnen helfen?

Es gibt zwei Arten von Hilfen, die wir der Bevölkerung anbieten: die Notaufnahme und die Chirugie, die dringend benötigt werden. Zusätzlich haben wir mobile Kliniken. Die Mitarbeiter gehen in die Gebiete, wo die Sicherheitslage es zulässt, dass sie die Menschen erreichen, die sich noch verstecken oder in ihre Dörfer zurückgekehrt sind. Wir bieten ihnen eine medizinische Grundversorgung, psychologische Fürsorge und Hilfe bei sexueller Gewalt.

DW:  Mitarbeiter von Hilfsorganisationen kamen sehr spät zum Einsatz. Was war Ihrer Meinung nach der Grund für eine solche Verzögerung - hatten die Dorfbewohner nicht um Hilfe gefragt?

Es ist eine Frage der Erreichbarkeit. Die Gewalt geschah in sehr abgelegenen Gebieten und wir hörten Gerüchte, die wir erst prüfen und uns dann Zugang verschaffen mussten. Dennoch kamen unsere Einsätze spät und unglücklicherweise waren wir noch eine der ersten Hilfsorganisationen, die reagierte. Die Gewalt ist einfach tragisch, es gibt so viele Bedürfnisse [nach Hilfe, d. Red.] und so eine späte Reaktion [darauf].

Noch schlimmer als das, was ich gesehen habe, war das, was ich gehört habe, denn viele Orte sind immer noch nicht zugänglich. Als ich mit einer mobilen Klinik unterwegs war, haben wir mit Menschen gesprochen. Viele Berichte sind sehr ähnlich. Ein Dorf ist in einer Gewaltspirale gefangen und die Menschen sehen, wir ihre Liebsten getötet, verprügelt, missbraucht oder enthauptet werden. Die Berichte sind grausam. Ein Mann hat mir erzählt, dass die Gewalt so schlimm war, dass selbst die Vögel danach für einige Tage nicht mehr gesungen haben. Als er das sagte, liefen mir Schauer über den Rücken und ich war sprachlos. Ich glaube, diese wenigen Worte machen deutlich, welche  menschlichen Tragödien und welche Gräueltaten sich in Kasai ereignen.

Ein weißer Panzer mit UN-Soldaten fährt durch die Stadt Kananga (Reuters/A. Ross)

Die Vereinten Nationen haben die Gewalt in Kasai nicht stoppen können

DW: Glauben Sie, es gibt Hoffnung auf Besserung - nach diesen schrecklichen Erfahrungen, die Sie beschrieben haben? Wie sollte der Weg nach vorn aussehen?

"Ich bin nicht in der Lage, Ihnen zu sagen wie der Weg in die Zukunft aussieht, weil ich eine humanitäre Helferin bin. Als Organisation werden wir auch weiterhin im Einsatz sein. Patienten haben mir erzählt, dass die starke Präsenz  internationaler Helfer immer noch notwendig ist. Es ist ein Zeichen für die Bevölkerung, dass es ein wenig Stabilität gibt.

An eine Sache erinnere ich mich gut: Als ich die Notaufnahme des Krankenhauses besuchte, lagen die Patienten in ihren Betten. Trotz all der schlimmen Erfahrungen, die sie hinter sich hatten, lächelten sie und waren dankbar. Mir wurde deutlich, dass sie sich sicher fühlten. Wir konnten ihnen Versorgung und Würde geben und einen sicheren Ort, an dem man sich um sie kümmert. Das ist ein Beitrag, um den Kontext für sie etwas stabiler und besser zu machen."

Interview: Martina Schwikowski

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