Ärger um Flüchtlinge: Lernen von Cottbus | Deutschland | DW | 26.01.2018
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Integration

Ärger um Flüchtlinge: Lernen von Cottbus

Wiederholt ist es in der ostdeutschen Stadt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen und Einheimischen gekommen. Die Spannungen haben viele Ursachen. Kate Brady berichtet aus Cottbus.

Markttag in Cottbus. An den Ständen werden Obst und Gemüse angeboten, Produkte frisch aus der Region. Neben den Tafeln, die die Produkte anpreisen, ist ein Aushang mit der jüngsten Ausgabe der lokalen Zeitung zu sehen. Die Überschrift: "Noch mehr Zusammenstöße in Cottbus".

Die Zeitung deutet es an: Schlägereien zwischen Einheimischen und Flüchtlingen sind in der Stadt zu einem fast schon normalen Ereignis geworden. Gewalt geht von beiden Seiten aus.

In der vergangenen Woche erlitt ein 16-jähriger Teenager Gesichtsverletzungen, die ihm Berichten zufolge ein junger Syrer zufügte. Kurz zuvor war eine 18-jährige Frau, die angeblich "Ausländer raus!" gerufen hatte, nach einer Auseinandersetzung mit einem gleichaltrigen Syrer auf einer Party in Polizeigewahrsam genommen worden. Daraufhin griff die Frau die Polizisten an.

Nur wenige Stunden später wurden die Behörden erneut gerufen. Dieses Mal hatten fünf deutsche Männer zwei Männer von "fremdem Aussehen" angegriffen.

Die schlimmste Gewalttat ereignete sich in der Nähe des größten Einkaufszentrums der Stadt.

Gefühl der Unsicherheit

"Es ist immer schlimmer geworden, seit die Flüchtlinge hier sind", sagt die 32-jährige Stefanie vor dem Einkaufszentrum. "Mein Sohn hat die Zusammenstöße beobachtet. Ich selbst fühle mich nicht mehr sicher hier, vor allem nachts nicht."

Ganz in der Nähe steht Saleh. Der 30-jährige, der vor zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland geflohen ist, trinkt gerade einen Kaffee. "Ich selbst bin nicht angegriffen worden, aber die Stimmung hat sich auf jeden Fall verschlechtert", sagt er in nahezu perfektem Deutsch. Er ist auf dem Weg zu einer Bildungsstätte, wo er eine Ausbildung zum Kinderpfleger macht.

Deutschland Cottbus Markt (DW/K. Brady)

Unsichtbare Spannungen: Straßenszene aus Cottbus

"Es gibt einfach nicht genug Kontakte zwischen Einheimischen und Flüchtlingen", sagt er. "Viele Einheimische wollen mit uns nichts zu tun haben."

Seit langem hat die Stadt Probleme, besonders mit der rechten Szene. Anfang der 1990er Jahre blockierten Neonazis drei Nächte lang ein Asylantenheim, erst dann gewann die Polizei wieder die Kontrolle über die Situation. Am vergangenen Wochenende brachte die Anti-Einwanderungs-Organisation "Zukunft Heimat" rund 1.500 Menschen auf die Straße. Ursprünglich war die Gruppe gegründet worden, um gegen eine Flüchtlingsunterkunft im nahegelegenen Spreewald zu protestieren.

"Zu viele Veränderungen in zu kurzer Zeit"

Als Reaktion auf das Gewaltverbrechen gaben der Cottbusser Oberbürgermeister Holger Kelch und der brandenburgische Innenminister Karl-Heinz Schroeter zuletzt bekannt, dass aus dem Asylbewerberheim im benachbarten Eisenhüttenstadt keine Flüchtlinge mehr nach Cottbus verlegt würden.

"Man könnte sagen, es gab zu viel Veränderung in zu kurzer Zeit", umreißt Jan Gloßmann vom Pressebüro der Stadt die Situation.

In den letzten zwei Jahren hat sich die Zahl der Flüchtlinge der 100.000-Einwohner-Stadt von 4,5 auf 8,5 Prozent nahezu verdoppelt.

"Ich gebe es zu: Es hätte mehr getan werden können, um die Einheimischen besser zu informieren", räumt Gloßmann ein. Im Vergleich zu den Bewohnern größerer Städte gerade im Westen der Republik hätten die Bürger von Cottbus wenig Erfahrung im Umgang mit Einwanderern. Das habe zu dem kühlen Umgang mit den Flüchtlingen geführt. Viele Cottbusser sähen in ihnen vor allem "fremde Gesichter".

Deutschland Demonstration in Cottbus (picture-alliance/dpa/M. Helbig)

"Schnauze voll": Demonstration des Vereins "Zukunft Heimat" gegen Flüchtlinge



Schwierige Wirtschaftslage

Verschärft werden die Spannungen auch durch die schwierige Wirtschaftslage der Stadt. Im Dezember belief sich die Arbeitslosigkeit in Cottbus auf 6,9 Prozent. Damit lag sie ein Prozent unter dem Vorjahr - aber immer noch über dem Bundesdurchschnitt von rund 5,6 Prozent.

"Es wäre nötig, Einheimische und Flüchtlinge in Arbeit zu bringen, damit sie etwas zu tun haben, damit sie nicht kriminell werden", sagt Gloßmann. Doch es gebe zu wenig Arbeitsplätze - was die Einheimischen zu Bemerkungen wie der veranlasse, die Flüchtlinge stählen ihnen die Jobs. "Aber das ist schlichtweg nicht der Fall."

Zusätzlich verschärfen könnte sich die Lage durch die drohende Schließung des nahegelegenen Braunkohlekraftwerks. Käme es dazu, könnten rund 8.000 Arbeitsplätze wegfallen.

Auch Kindertagesstätten und Schulplätze sind in der Region dünn gesät. Ohne sie ist ist die Integration weiterer Flüchtlinge noch schwieriger.

Die Lösung ist - Geld

Die Lösung, sagt Glossmann, ist Geld. Es gebe nur zwei Möglichkeiten sagt er: Entweder bekäme die Stadt mehr Geld - oder der Bund müsse einspringen. Auf jeden Fall müssten die Menschen wissen, "dass ihre Stadt für sie da ist."

Doch in Berlin, ist die 52-jährige Christa überzeugt, kümmert man sich nicht mehr um Cottbus. "Man lässt uns mit unseren Problemen hier allein. Deshalb haben hier so viele Leute für die AfD gestimmt."

Die rechtspopulistische "Alternative für Deutschland" (AfD), die im September des vergangenen Jahres erstmals in das deutsche Parlament einzog, erzielte bei den letzten Bundestagswahlen nach einer Anti-Einwanderungskampagne in Cottbus 24 Prozent der Stimmen.

Um die Gewalt einzudämmen, hat die Stadt die Videoüberwachung ausgebaut. Auch wurden zusätzliche Polizisten auf Streife geschickt, in Uniform ebenso wie in Zivil. Dass das helfen wird, glaubt Christa nicht.

Cottbus nach den gewaltsamen Auseinandersetzungen (picture-alliance/dpa/P. Pleul)

Verstärkt unterwegs: Polizei in Cottbus

"Geh nach Hause"

"Schick sie alle zurück", sagt sie. "All die Schlechten. Schickt sie dorthin zurück, wo sie hergekommen sind."

Und die "schlechten Einheimischen?" Keine Antwort.

Er verstehe die Sorgen einiger Einheimischer, sagt der 29-jährige Omar. Doch fremdenfeindliches Verhalten erlebe er auch selbst, und zwar regelmäßig.

"Nicht jeder, der hier ankommt, ist ein guter Mensch. Aber das Gleiche gilt auch für die Einheimischen", sagt er. Vor drei Jahren ist er aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. Seitdem arbeitet er in Vollzeit in einem Kebab-Imbiss.

"Manchmal kommen einige hierher und rufen:" Ausländer raus!", berichtet er. "In meinem Briefkasten habe ich sogar Briefe, auf deren Umschlag jemand geschrieben hatte 'Geh nach Hause!'"

"Einige von uns versuchen sich zu integrieren", fügt er hinzu. "Aber der Einsatz muss von beiden Seiten geleistet werden."

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