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Amerika

Ärger mit ThyssenKrupp-Stahlwerk in Brasilien

Es war als Erfolgsgeschichte geplant. Das Prestige-Projekt sollte ein Meilenstein in der Wachstumsstrategie auf dem lateinamerikanischen Markt sein. Doch nun muss der deutsche Stahlgigant um seinen guten Ruf kämpfen.

Thyssen-Werk in der Bucht von Sepetiba bei Rio de Janeiro (Foto: ThyssenKrupp)

Thyssen-Werk in der Bucht von Sepetiba bei Rio de Janeiro

Ganze 5,2 Milliarden Euro hat es sich der Essener Konzern nach eigenen Angaben kosten lassen, um das hochmoderne Stahlwerk im wichtigen brasilianischen Markt zu errichten. Doch nun regt sich Widerstand gegen die Anlage in Santa Cruz, einem Stadtteil von Rio de Janeiro. Angefangen hatte es mit Anwohnern, die sich beschwerten. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft des Bundesstaates Ermittlungen aufgenommen und Anklage erhoben.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft von Rio de Janeiro war es bei der Inbetriebnahme zweier Hochöfen im Juli und Dezember 2010 zu Betriebsstörungen gekommen. So musste kurz vor Weihnachten Roheisen in ein Abkühlbecken unter freiem Himmel gegossen werden. Dabei kam es zu Graphitstaub-Emissionen. Dieser "silberne Regen" war zum ersten Mal bereits im Juli beobachtet worden.

Geldstrafen und Entschädigungszahlungen

Bis zum heutigen Tag hat das Stahlwerk der ThyssenKrupp-Tochter CSA dem Konzern Geldstrafen von rund 1,2 Millionen Euro eingebracht. Darüber hinaus haben brasilianische Gerichte ThyssenKrupp CSA zur Zahlung weiterer Entschädigungsgelder in Millionenhöhe verurteilt, unter anderem an die lokalen Fischer.

Luis Carlos Oliveira, einer der Fischer aus Rio de Janeiro, die gegen das Stahlwerk in der Buch von Sepetiba geklagt haben (Foto: DW)

Luis Carlos Oliveira ist einer der Fischer aus Rio de Janeiro, die gegen das Stahlwerk in der Buch von Sepetiba geklagt haben

Die Anklageliste der Staatsanwaltschaft des Bundesstaates Rio de Janeiro geht noch weiter: Das Unternehmen muss sich nun vor einer Umweltkommission verantworten. Die Vorwürfe lauten: gesundheitsschädigende Emissionen, die Errichtung von Umwelt verschmutzenden Anlagen, Nichteinhaltung von Umweltauflagen und die Einreichung falscher oder irreführender Gutachten im Genehmigungsprozess. ThyssenKrupp CSA wird außerdem vorgeworfen, Milizen beschäftigt zu haben, um für die Sicherheit der Anlage zu sorgen. Der Fall wird inzwischen beim Polizeikommissariat für organisiertes Verbrechen und Spezialuntersuchungen in Rio de Janeiro geprüft.

ThyssenKrupp will die Anschuldigungen widerlegen

In der Essener ThyssenKrupp-Zentrale bestreitet man die gesundheitsschädliche Wirkung der Emissionen. Ferner beschäftige man keine Milizen. In einer schriftlichen Stellungnahme auf Fragen der Deutschen Welle heißt es, ThyssenKrupp CSA werde die Möglichkeit nutzen, alle Anschuldigungen zu widerlegen.

Der Konzern besteht darauf, alle Umweltrichtlinien beachtet zu haben. Darüber hinaus hätten die brasilianischen Behörden erkannt, dass das Stahlwerk erstklassige Umwelttechnologien nutze. Zudem kündigt das Unternehmen an, mehr als sechs Millionen Euro in die Verbesserung des lokalen Gesundheitswesens und der Infrastruktur investieren zu wollen. Ein weiteres Argument macht ThyssenKrupp für sich geltend: "ThyssenKrupp bezahlt die besten Löhne in Brasilien. Das ist einer der Gründe dafür, dass sich mehr als 42.000 Menschen für die angebotenen Stellen beworben haben."

Auch auf der Hauptversammlung vor rund zehn Tagen (21.1.11) stand das Werk in Brasilien auf der Tagesordnung. Für die Umsetzung der Wachstumsstrategie im Segment Qualitätsstahl sei das Werk in Rio de Janeiro von zentraler Bedeutung, sagte der scheidende Vorstandschef Ekkehard Schulz. Gleichwohl zeigte er sich auch selbstkritisch: Man habe es versäumt, die Nachbarn darauf hinzuweisen, dass es bei der Inbetriebnahme des Werks zu vorübergehenden Belastungen kommen werde. Dafür entschuldige er sich ausdrücklich, denn der Konzern wolle an allen Standorten "ein dauerhaft gutes Verhältnis zu den Nachbarn pflegen".

Staatsanwaltschaft begrüßt Entgegenkommen

Ekkehard Schulz, Vorstandsvorsitzender von ThyssenKrupp (Foto: AP)

Ekkehard Schulz, Vorstandsvorsitzender von ThyssenKrupp

In der Tat macht Staatsanwalt Marcus Pereira Cavalcante Leal einen Wandel im Verhalten des Konzerns aus. Im Interview der Deutschen Welle sieht Leal den Anlass dafür in dem Vorfall vor Weihnachten, als es beim Anfahren des zweiten Hochofens wieder zur Freisetzung von Graphitstaub kam. Das Unternehmen hat sich daraufhin Umweltkontrollen unterzogen, um die technischen Prozesse zu überprüfen. Ein entsprechendes Gutachten wird in 60 Tagen vorliegen und darüber entscheiden, ob das Werk die Erlaubnis erhält, mit voller Kapazität zu produzieren. "Und sie wird nicht erteilt, wenn nicht absolute Gewissheit darüber besteht, dass die Umweltschutzmaßnahmen effektiv sind", betont Leal. Denn bislang gebe es noch kein abschließendes Gutachten, welche Emissionen das Werk freisetzt.

Staatsanwalt Leal glaubt, dass der neue kooperative Kurs bei ThyssenKrupp CSA auf den Druck aus der deutschen Konzernzentrale zurückzuführen ist. Zu groß sei die Bedeutung des brasilianischen Werks für die Zukunft von ThyssenKrupp: "Das Image des Stahlgiganten könnte aufgrund der Nachrichten aus Brasilien große Risse bekommen." Und wenn die Umweltschäden in einem deutschen Werk verursacht worden wären? "Wahrscheinlich wäre der Hochofen schon längst abgeschaltet und die Arbeit des Stahlwerkes schon längst eingestellt worden", vermutet der Staatsanwalt und spielt dabei auf das weltweit berühmte Umweltbewusstsein der Deutschen an.

Autorin: Nádia Pontes
Übersetzerin: Anna Pellacini
Redaktion: Birgit Görtz

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