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Wirtschaft

Ärger bei Volkswagen in Portugal

VW steht in Portugal vor einem mittleren Desaster: Obwohl dort das neue Modell T-Roc produziert wird und viele Arbeitsplätze geschaffen werden, droht die Belegschaft mit Streik. Wegen der geplanten Wochenendarbeit.

Eigentlich sollten sich alle freuen: Der T-Roc, Volkswagens lang erwartetes SUV, ist offiziell vorgestellt und er wird in Portugal produziert. Im Werk von Palmela soll die Produktion verdoppelt werden, rund 1500 neue Arbeitsplätze entstehen. Die Fabrik, die schon jetzt für etwa ein Prozent des portugiesischen BIP und zehn Prozent der Landesexporte steht, wird noch bedeutender. Und trotzdem herrscht Krisenstimmung. Weil die Belegschaft sich weigert, an den Wochenenden zu arbeiten und streiken will. Sogar der Betriebsrat ist zurückgetreten.

Golf-Geländewagen von VW T-Roc (picture-alliance/dpa/Volkswagen)

Hoffnungsträger für Portugal und VW: T-Roc

Zwei Jahrzehnte lang galt das an Deutschland angelehnte Mitbestimmungsmodell im portugiesischen Werk als beispielhaft im westlichsten Land Europas, in dem sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer traditionell eher als Feinde betrachten. Die konstruktive Zusammenarbeit von Unternehmensleitung und Betriebsräten haben nicht nur die traditionelle Industrieregion südlich von Lissabon aus einer schweren Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise geführt, sondern auch das Werk um viele Klippen geschifft, als vor einigen Jahren weniger Autos als geplant verkauft wurden. Jetzt ist es damit wohl vorbei. Schuld daran ist ausgerechnet das neue Hoffnungs-Auto T-Roc. Damit dessen Produktion von Volkswagen an das Werk in Portugal vergeben wurde, hat der Betriebsrat viele Zugeständnisse gemacht - zu viele, meinen die Arbeiter und sagten in einer Betriebsversammlung nein zu den ausgehandelten neuen Arbeitsbedingungen.

Streit um Arbeit am Samstag

Knackpunkt ist das Wochenende: Um die geplanten Produktionszahlen zu erreichen, müsse auch am Samstag gearbeitet werden, sagt Volkswagen und lehnte alle Gegenvorschläge des Betriebsrats ab. Der zweite vertraglich festgeschriebene Ruhetag sollte daher auf wechselnde Wochentage gelegt werden. Für die Arbeiter hätte das bedeutet, nur alle sechs Wochen ein freies Wochenende zu haben. Da versagte die Belegschaft ihren Betriebsräten die Gefolgschaft.

Portugal Volkswagen | Eduardo Florindo, Gewerkschaft SITE-Sul (DW/J. Faget)

Zum Streik entschlossen: Gewerkschafter Florindo

"Immer wenn ein neues Automodell im Werk produziert wurde, verschlechterten sich die Arbeitsbedingungen, weil die Firmenleitung mit dem internationalen Konkurrenzdruck argumentiert hat", erklärt Eduardo Florindo von der Gewerkschaft SITE-Sul. "Das muss jetzt endlich aufhören." Seine Gewerkschaft gehört zum Gewerkschaftsverband CGTP, der den portugiesischen Kommunisten nahesteht. Sie war es auch, die die in Portugal gesetzlich vorgeschriebene Streikankündigung für den 30. August verschickte. Zwar freue sich auch die Gewerkschaft über das neue VW-Modell und die damit verbundenen neuen Jobs. Die seien jedoch deutlich schlechter bezahlt als die alten und bei den Wochenenden könne es keine Kompromisse geben. Konsequenz: Arbeitskampf!

Betriebsrat wirft das Handtuch

"Volkswagen hat bei der Produktionseinführung des T-Roc schwerwiegende Fehler gemacht," klagt auch der zurückgetretene Betriebsratsvorsitzende Fernando Sequeira. Einerseits sei der Konzern bei den Arbeitszeiten zu unflexibel gewesen, andererseits habe er seine Vorstellungen der Belegschaft schlecht erklärt. Das werde jetzt von der Gewerkschaft genutzt, die Stimmung im Werk weiter zu verschlechtern, meint Sequeira: "Der Gewerkschaft geht es nicht in erster Linie um das Wohl der Arbeiter, sondern darum, Einfluss zu gewinnen." Nur rund elf Prozent der Belegschaft sei gewerkschaftlich organisiert, da biete der Streit um das Wochenende eine gute Gelegenheit, sich in Szene zu setzen. Dass dabei die bis jetzt so gut gelaufene Mitbestimmung auf dem Spiel stehe, sei der Gewerkschaft egal. Konsequenz: Betriebsratsrücktritt!

Portugal Volkswagen | Fernando Sequeira, Ex-Betriebsratsvorsitzender (DW/J. Faget)

Zwischen allen Stühlen: Ex-Betriebsratschef Sequeira

Volkswagen steht nach dem weltweiten Dieselgate in Portugal am Rande eines T-Roc-Desasters. Interviewbitten wurden trotz mehrmaliger Nachfragen nicht beantwortet, stattdessen lud VW am 23. August zur offiziellen T-Roc-Vorstellung. Angesichts der Streikdrohung erklärte das Unternehmen, es werde nicht etwa mit Gewerkschaften wie SITE-Sul verhandeln, sondern nur mit dem  Betriebsrat. Der Schuss kann nach hinten losgehen: Nachdem VW den alten Betriebsrat durch seine Unnachgiebigkeit in Sachen Samstagsarbeit in den Rücktritt getrieben hat, ist unklar, ob der noch einmal zur Wahl antritt. Und falls die Vertreter der im kommunistennahen Gewerkschaftsbund CGTP zusammengeschlossenen Gewerkschaften die Betriebsratswahl gewinnen, dürften Verhandlungen noch schwerer werden. Immerhin hat VW inzwischen den Personaldirektor ausgetauscht: Der neue Mann heißt Jürgen Dorn. Und der hat in einer internen Mitteilung an die Arbeiter erst einmal die Kompetenz der Belegschaft gelobt. Der schlechten Stimmung und der Streikbereitschaft bei VW in Portugal dürfte das keinen Abbruch tun.

 

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