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Nahost

Ägypter feiern Mursis Sturz

Viele Ägypter sind nach der Machtübernahme durch das Militär in Jubel ausgebrochen. Militär und Polizei haben unterdessen eine Verhaftungswelle hochrangiger Muslimbrüder begonnen.

Jubel auf dem Tahrir-Platz in Kairo (Foto: Reuters)

Jubel auf dem Tahrir-Platz nach Absetzung Mursis

Den ganzen Tag über warteten die Menschen auf das Ende des Ultimatums an Präsident Mohammed Mursi. Am späten Nachmittag waren wieder viele Hunderttausend Anti-Mursi Demonstranten auf den Tahrir-Platz und vor den Präsidentenpalast geströmt. Die Stimmung war bis dahin weit angespannter, aber auch ruhiger als in den letzten Tagen. "Ruhe, Ruhe!", riefen einzelne Demonstranten, als die Rede des Verteidigungsministers begann, die viele über das Radio hörten. Nach wenigen Minuten explodierte die Menge dann in einem ohrenbetäubenden Freudengeschrei und der Tahrir-Platz verwandelte sich in ein riesiges Fest. Feuerwerkskörper flogen in den Himmel, Menschen lagen sich in den Armen und weinten vor Freude.

Eine lachende Frau zeigt das Victory-Zeichen (Foto: DW/Matthias Sailer)

Siegerlaune bei den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz

Sherif, ein Universitätsprofessor, ist einer von ihnen. Er sagt: "Ich bin überglücklich, dass Ägypter aller Schichten hier auf dem Platz sind. Man kann sagen, dass das unsere Befreiung von den Radikalen ist. Die Muslimbrüder haben viele ernste Probleme gebracht."

Ein Prozess für den Ex-Präsidenten?

Der Professor betont, sie alle seien Ägypter und nicht etwa Muslime oder Christen, alle tränken dasselbe Wasser und atmeten dieselbe Luft. Um Sherif herum kocht unterdessen die Menge. Ein Mann wirft sich auf die Knie und dankt Gott, seinem Nebenmann schießen Tränen in die Augen. Die Menschen schwenken Tausende Fahnen und blasen in ihre Vuvuzelas und Pfeifen.

Ein Militärhubschrauber fliegt über den Platz und wirft kleine ägyptische Fahnen in die Menge, die in lautem Chor "Das Volk und das Militär sind eine Hand" anstimmt. Eine Frau mit Kopftuch stürmt auf einen ihr unbekannten Mann zu und ruft voller Freude: "Die Jugend befreit uns zum zweiten Mal!" Es ist eine Anspielung auf den Sturz Mubaraks.

Mann kniet sich zum Beten auf den Boden (Foto: DW/Matthias Sailer)

Ein Mursi-Gegner fällt vor Dankbarkeit auf die Knie

Doch es gibt jetzt viele Unbekannte. Das Militär, die politische Opposition, die koptische Kirche und Vertreter der islamischen Religionsgelehrten haben sich geeinigt, dass der Vorsitzende des Verfassungsgerichts, Adli Mansur, Übergangspräsident werden soll. Am Donnerstag wurde er in Kairo als neuer Interims-Staatschef vereidigt.

Doch einen detaillierten Fahrplan, wie es weitergehen soll, gibt es noch nicht. Und auch was mit Ex-Präsident Mohammed Mursi passieren wird, bleibt unklar. Einige auf dem Tahrirplatz haben da klare Vorstellungen, zum Beispiel Nadir: "Er muss hinter Gitter und man muss ihm den Prozess machen. Viele Menschen sind während seiner Amtszeit ermordet worden und wir werden diese Menschen nicht vergessen."

Verhaftungswelle gegen Muslimbrüder

Auch was mit den noch immer demonstrierenden Muslimbrüdern werden soll, ist unklar. Für Nadir sind sie erledigt, sie sollen gefälligst nach Hause gehen. Ägypten sei auf dem Tahrir-Platz. Doch auch sie sind viele Hunderttausende. Und die Gefahr von gewaltsamen Zusammenstößen zwischen beiden Gruppen bleibt vorerst bestehen. Wie das neue Regime mit den Islamisten umgeht, wird darüber entscheiden, ob es in Ägypten in den nächsten Tagen Gewalt geben wird.

Jubelnde Demonstranten auf dem Tahrir-Platz (Foto: DW/Matthias Sailer)

Schlägt die Freude bald in Gewalt um?

Das Militär schloss bereits mehrere Fernsehkanäle der Islamisten. Bei ihnen geht die Angst um, verhaftet oder angegriffen zu werden. In der Nacht haben deswegen viele das Protestgelände der Islamisten im Nordosten Kairos verlassen. Einer der bedeutendsten Oppositionspolitiker, Hamdien Sabahi, habe Al-Arabiya bereits gesagt, dass man die Muslimbrüder keinesfalls ausschließen oder gar schlecht behandeln dürfe. Doch die staatliche Zeitung "Al-Ahram" meldete, dass es bereits 300 Haftbefehle gegen führende Muslimbrüder gäbe. Das wäre eine klare Kampfansage und würde eine echte Versöhnung unmöglich machen.

Viele Führungsfiguren der Organisation waren am Abend nicht mehr telefonisch zu erreichen. Ein Sprecher der Muslimbrüder sagte zudem, dass der ehemalige Präsident Mursi in einem Gebäude der Präsidentengarde unter Hausarrest gestellt worden sei. Gleiches gelte für Mitglieder seines Beraterstabs. Doch der Mehrheit auf dem Tahrir-Platz ist das momentan egal, so auch Mohamed: "Die Rede des Verteidigungsministers war wohl durchdacht und genau richtig. Er hat alle gesellschaftlichen Gruppen gebeten, zusammenzukommen und - unter der Leitung des Militärs - alles zu besprechen. So soll es sein."

"Sie sind Ägypter wie wir"

Im Moment überwiegen bei vielen Anti-Mursi-Demonstranten Freude und auch Schadenfreude gegenüber den Islamisten. Auf einem Plakat beleidigt ein Demonstrant den Ex-Präsidenten, indem er ihn mit dem Namen seiner Mutter als "Sohn der Samia" anredet. Das Feiern nimmt unterdessen kein Ende: Bis spät in die Nacht fahren hupende Autokorsos mit Menschen auf den Dächern durch die Stadt und ununterbrochen wird Feuerwerk in die Luft geschossen.

Fröhliche Mursi-Gegner auf einem Auto (Foto: DW/Matthias Sailer)

Der Gedanke an die nötige Integration der Muslimbrüder spielte im ersten Freudentaumel noch keine große Rolle

Am Tahrir-Platz haben sich einige junge Männer ihre Hemden ausgezogen und tanzen zu ägyptischer Popmusik. Mostafa hat die Hoffnung, dass es keine Hetze gegen die Muslimbrüder geben wird: "Sie sind unsere Brüder, Ägypter wie wir. Ich glaube nicht, dass ihnen irgendwas passieren wird. Wir waren die Opposition und haben ihnen nichts getan und jetzt sollte das neue Regime das Gleiche machen."

Doch das bleibt fraglich. "Al-Ahram" vermeldete bereits, dass Saad Katatni, der Vorsitzende der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbruderschaft, verhaftet worden sei. Und der Sprecher der Muslimbruderschaft, Gehad El-Haddad, twitterte am Donnerstag (04.07.2013), dass Mursi von seinen Mitarbeitern getrennt und ins Verteidigungsministerium gebracht worden sei.

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