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Nahost

Ägyptens Tourismus in der Krise

Dem Reiseland Ägypten gehen die Besucher aus. Viele sehen die Schuld für die schwere Krise des ägyptischen Tourismus bei den Islamisten - und unterstützen den harten Kurs der Armee.

Der Kellner Atef Abdel Wahab bedient in Kairos Traditionscafé El Fischawi in diesem Sommer meistens nur sich selbst. Er sitzt auf einem Holzstuhl beim Eingang und fährt mit der Hand durch seine kurzen grauen Haare. "Die Revolution war schlecht für das Geschäft. Jetzt läuft es noch viel schlechter", beklagt er. Seit Wochen kommen kaum noch Touristen bei ihm vorbei. Das bekannteste Kaffeehaus Ägyptens mit seinen antiken Kronleuchtern, den mit Arabesken verzierten Sitzecken und seiner 250-jährigen Geschichte ist wie leergefegt.

Normalerweise ist im El Fischawi das ganze Jahr über Hochbetrieb: Selbst im drückend heißen August stehen die Touristen Schlange, Fremdenführer reservieren die Tische oft einen Tag im Voraus. Dass nun selbst hier die Gäste ausbleiben, zeigt deutlich, wie stark einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Ägyptens unter der politischen Krise leidet.

Massiver Einbruch

Bis zur Revolution gegen Husni Mubarak im Jahr 2011 steuerten die Einnahmen aus dem Tourismus etwa elf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt des Landes bei. 2010 besuchten 14,7 Millionen Touristen das Land am Nil - eine Rekordzahl. Nach dem revolutionsbedingten Einbruch im Jahr 2011 zogen die Besucherzahlen zunächst zwar wieder an.

Geschlossene Läden in einer leeren Gasse in Kairo, die Touristen jetzt meiden (Foto: Markus Symank)

Geschlossene Läden, leere Gassen: Touristen meiden Kairos Basar Chan el-Chalili

Nun aber halten die Bilder der blutigen Auseinandersetzung zwischen Militär und Muslimbruderschaft mit Hunderten Toten selbst Abenteuerreisende auf Distanz. Auch die Touristenressorts am Roten Meer melden massive Buchungseinbrüche, obwohl sie vom politischen Chaos nahezu unberührt geblieben sind. Zahlreiche Staaten haben Reisewarnungen ausgesprochen, viele Flüge nach Ägypten wurden gestrichen. Auch die ägyptische Regierung griff zu drastischen Maßnahmen und ließ unter anderem die Pyramiden von Gizeh und das Ägyptische Museum in Kairo drei Tage lang für Besucher sperren.

Mehrere Polizisten als Touristen

Die neuen säkularen Machthaber am Nil haben die Wiederbelebung des Fremdenverkehrs zur Priorität erhoben. Dafür soll zunächst die Sicherheitslage verbessert werden. Auf dem Basar Chan el-Chalili, einem der beliebtesten Ausflugsziele von Ägypten-Reisenden, ist die Polizeipräsenz in diesen Tagen auffällig hoch. Touristen, die von den Beamten in Weiß beschützt werden könnten, sind jedoch nicht in Sicht. Der Parkplatz für Reisebusse steht leer, viele der Souvenirläden haben ihre Gitter heruntergelassen. Die engen Gassen, in denen sonst Händler um die ausländische Kundschaft kreisen, sind beinahe menschenleer.

Die gelangweilten Verkäufer vertreiben sich die Zeit mit politischen Diskussionen - so wie die beiden Brüder, die zwischen goldenen Götterstatuen und Flip-Flops mit Nofretete-Aufdruck auf Besucher warten. Wie so viele im Tourismussektor standen sie der Revolution von Anfang an kritisch gegenüber und trauern nun der Regierungszeit des früheren Alleinherrschers Husni Mubarak nach. Dieser habe alles versucht, um mehr Touristen ins Land zu holen, sagen die beiden. Der islamistische Präsident Mohammed Mursi hingegen habe Bier und Bikinis verbieten wollen. Zwei Schaufenster weiter wischt ein Papyrushändler den Boden vor seinem Laden. "Die Armee muss unser Land von den Muslimbrüdern säubern", fordert er. Diese hätten versucht, Ägypten in einen Gottesstaat zu verwandeln und alle Touristen zu vertreiben. Ägypten gehe durch eine schwierige Phase, doch bald werde alles besser. Den ausländischen Medien wirft er vor, die Sicherheitsprobleme Ägyptens aufzubauschen.

Geschäfte mit Armeechef al-Sisi

Ein Stand auf dem Basar, wo T-Shirts mit dem Porträt von Ägyptens Armeechef al-Sisi verkauft werden (Foto: Markus Symank)

Verkaufsschlager Abdel Fattah al-Sisi: T-Shirts mit dem Porträt von Ägyptens Armeechef

Um die Krise zu überbrücken, beweisen die Händler ihren Einfallsreichtum: So orientieren sie sich zunehmend auch an der ägyptischen Kundschaft und nehmen allerlei patriotisches Zubehör ins Sortiment auf. Besonders hoch im Kurs sind T-Shirts, Tücher und Mützen mit dem Porträt des Armeechefs Abdel Fattah al-Sisi. Unter seiner Führung hat das Militär den Präsidenten Mursi gestürzt. Nun ist Ägyptens neuer "starker Mann" auf dem Basar fast so präsent wie Pharao Tutanchamun oder Ramses der Große.

Auch im Café El Fischawi betreibt man einen Personenkult um al-Sisi: Vor dem Eingang hängt ein Poster des Armeechefs. Al-Sisi habe den Pakt der Muslimbrüder und der USA durchkreuzt, gibt Abdel Wahab eine beliebte Verschwörungstheorie zum Besten. Nun sei Ägypten bereit, um sich aus der Abhängigkeit von dem Westen zu befreien. Die ausländischen Touristen hätte Abdel Wahab trotzdem gerne zurück.

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