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Nahost

Ägyptens steiniger Weg zur Demokratie

Ägyptische Demokratie-Aktivisten fürchten um die Errungenschaften der Revolution vom 25. Januar 2011 und befürchten eine schleichende Islamisierung des Staates.

Vor fast drei Monaten hat Mohamed Mursi sein Amt als erster frei und demokratisch gewählter Präsident in der Geschichte Ägyptens angetreten. Seitdem rätseln die meisten Ägypter darüber, wohin der Muslimbruder ihr Land führen wird. Der von vielen Ägyptern und internationalen Beobachtern unterschätzte Mursi erwarb sich zwar Respekt durch die überraschende Entmachtung der scheinbar allmächtigen Armeeführung um Feldmarschall Tantawi. Doch ägyptische Demokratieaktivisten und Tahrir-Revolutionäre fürchten um die Errungenschaften der Revolution vom 25. Januar 2011 – und befürchten eine schleichende Islamisierung des Staates.

Mansoura ez-Eldin, Schriftstellerin und Frauenaktivistin, gehört zu jenen Künstlern, Literaten und Intellektuellen, die die breite Protestbewegung gegen das autoritäre Mubarak-Regime getragen haben. Von ihrer Euphorie über den bürgerlich-egalitären „Geist des Tahrir-Platzes“ und den Mubarak-Abgang im Februar 2011 ist nichts viel übrig geblieben: „Viele von uns haben damals gedacht, Mubarak sei das Problem. Doch die Realität und auch das, was in den letzten Monaten passiert ist, zeigen, dass die wirklichen Probleme dieses Landes weit tiefer liegen – und dass sie in gewisser Weise vom Mubarak-Regime überdeckt worden sind“, sagt sie im Interview mit der Deutschen Welle.

Was bleibt von der „Revolution der Würde“?

Mansura Eseddin, 1976 im Nildelta in Ägypten geboren, studierte Journalismus an der Universität Kairo und arbeitet bei Akhbar al-Adab, einem der wichtigsten Literaturmagazine Ägyptens. Ihre Romane sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2010 wurde sie als eine der besten arabischsprachigen Autoren unter 40 ausgewählt. 2010 war sie als einzige Frau für den International Prize for Arabic Fiction nominiert.

Die ägyptische Schriftstellerin und Frauenaktivistin Mansura Eseddin arbeitet bis August 2011 bei „Akhbar al Adab“, einem der wichtigsten Literaturmagazine Ägyptens

Natürlich einte das gemeinsame Ziel die heterogene Demokratiebewegung, die aus verschiedenen Jugendkräften, Facebook-Aktivisten und etablierten Demokratiebewegungen hervorging, sprich: der Mubarak-Sturz. Nach Ansicht der engagierten Schriftstellerin ez-Eldin herrschte damals auch breiter Konsens in der Demokratiebewegung über "Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit“ als Ziele der "Revolution der Würde“.

Die Meinungsführer der Revolution stritten zweifelsohne für einen zivilen, einen säkularen Staat – gemeint als Gegenentwurf zum Militärstaat. "Dieser Staat ist naturgemäß das Gegenteil eines religiösen Staats, wie ihn die Muslimbrüder herbeiführen wollen. Aber ich bin mir sicher: Auch die Mehrheit der einfachen Menschen hier im Land kann mit einem religiösen Staat nichts anfangen, es gibt auch dort eine wachsende Sorge darüber dass die Rolle der Religion für die Politik wachsen könnte - ich nenne das die ägyptische Formel. Und man kann das nicht wie in der Türkei von oben durchsetzen“, erklärt ez-Eldin.

Muslimbrüder als Trittbrettfahrer der Revolution

Obwohl es bis jetzt kein erkennbares islamistisches Programm der Muslimbrüder gibt, ist das Misstrauen gegenüber den regierenden Islamisten bei liberalen und linken Gruppen sehr groß. Viele Tahrir-Aktivisten haben das Gefühl, die Revolution sei ihnen gestohlen worden.

Aktivist der revolutionären Jugendbewegung und gewählter Abgeordneter des ägyptischen Parlaments. Er ist auch Mitbegründer der sozialdemokratischen Partei Ägyptens Bild Cairo - Egypt, oktober 2011 Bild von: Hanna Labonte

Ziad al-Alimi ist gewählter Abgeordneter des ägyptischen Parlaments, Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei Ägyptens und Mitglied des Direktoriums der Koalition der Jugend der Revolution und dessen offizieller Sprecher.

Ziad al-Alimi, einer der bedeutendsten Aktivisten der revolutionären Jugendbewegung und gewählter Abgeordneter des ägyptischen Parlaments, begrüßt die Zurückdrängung des Militärs durch Musri, hegt jedoch große Zweifel an der Regierungskompetenz seiner "Partei für Freiheit und Gerechtigkeit“, des politischen Arms der Muslimbruderschaft. "Weil sie kein Programm haben, flüchten sie in die Religion als politische Ideologie. Sie wollen, wenn man so will, Gottes Wort in politisches Handeln ummünzen, aber das ist unmöglich. Und auf diese Weise werden sie kein einziges Problem in diesem Land lösen“, betont er.

Doch die Ägypter erwarten von ihrem Präsidenten Mursi keine “islamische Renaissance”, sondern praktikable Lösungen für die großen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme ihres Landes. Und weil sich die Zukunft der gesamten demokratischen Transformation Ägyptens genau an dieser sozialen Frage entscheiden wird, sieht Ziad al-Alimi zwei Optionen für die Entwicklung in Ägypten: Entweder es gelingt den liberalen und zivilen Parteien über Wahlen, den Einfluss der Muslimbrüder zurückzudrängen oder es wird zu einer zweiten Revolution kommen, die blutiger als die erste sein wird.

Aber allen Widrigkeiten zum Trotz blickt der Mitbegründer der sozialdemokratischen Partei Ägyptens Optimistisch in die Zukunft: "Ich bin fest davon überzeugt, dass wir innerhalb eines Jahrzehnts zu einem wirklich neuen politischen System finden werden. Voraussetzung dafür ist, dass die zivilen, auf einen säkularen Staat gerichteten Parteien sich zusammenschließen und sich als Kraft nicht wieder teilen lassen. Und dass wir es schaffen, den einfachen Ägyptern eine bessere Grundvoraussetzung zu schaffen“.