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Nahost

Ägyptens Revolutionäre fühlen sich isoliert

Am Anfang der Woche wurden Demonstranten gewaltsam vom Tahrir-Platz geräumt. Doch nicht nur Armee und Polizei stellen sich gegen die Protestierenden, auch der Großteil der Bevölkerung.

Ein Demonstrant auf dem Tahrir-Platz ist mit einer ägyptischen Flagge auf eine Straßenlaterne geklettert (Foto:Khalil Hamra/AP/dapd)

Es wird einsamer um die Regime-Gegner von Kairos Tahrir-Platz

Wenn man Beshoy fragt wo er wohnt, ist seine Antwort klar: auf dem Tahrir-Platz. Anfang Juli, seit Beginn der zweiten Demonstrationswelle, war Beshoy mit seinem Ein-Mann Zelt wieder auf den Tahrir-Platz gezogen, um für die Umsetzung der Ziele der Revolution zu protestieren. Nur zum Duschen ging er nach Hause. Als am Sonntag der Großteil der politischen Bewegungen beschlossen hat, das Demonstrieren zu unterbrechen, blieb Beshoy eisern. Mit rund 600 anderen Demonstranten wollte er den Protest fortsetzen, trotz Ramadan.

Am Montag (01.08.2011) wurden sie dann gewaltsam von der Armee und der Polizei vom Platz geräumt. Die Demonstranten sind an einem Tiefpunkt angelangt und auch Beshoy ist fassungslos: "Wir waren auf dem Tahrir-Platz um Ägypten zu verändern, um Demokratie zu verbreiten. Warum macht die Armee und die Polizei das mit uns?"

Gewaltsam räumten ägyptische Soldaten den Tahrir-Platz am 1. August 2011 (Foto:ap)

Gewaltsam räumten ägyptische Soldaten den Tahrir-Platz am 1. August 2011

Der Großteil der Bevölkerung unterstützt das Militär

Rund 100 Aktivisten wurden festgenommen, auch viele von Beshoys Freunden. Die Polizei und die Armee hat sich in Zivil unter die Demonstranten gemischt, hat bei Facebook und Twitter Accounts infiltriert, sie kennen die Szene. Auch im Zelt neben Beshoy war seit Anfang Juli ein Polizeioffizier in Zivil. Beshoy hatte sich mit ihm angefreundet, am Montag dann hat der seine Zeltnachbarn verhaftet. Beshoy hatte Glück, er war zu der Zeit beim Arbeiten. Doch der Schreck sitzt tief.

Es waren allerdings nicht nur Polizei und Militär, die den Platz stürmten. Auch Teile der Bevölkerung waren vor Ort und halfen mit. Menschenmengen applaudierten, Autos hupten. "Das wurde aber auch Zeit", sagte eine Passantin am Straßenrand. Die Protestler haben den Rückhalt in der Bevölkerung verloren. Von der Aufbruchsstimmung im Januar sei nicht mehr viel übriggeblieben, sagt die Aktivistin Rana Gaber. "Damals kämpften wir alle noch für dasselbe Ziel, aber jetzt verlieren wir die Unterstützung der Bevölkerung."

Die Helden der Revolution gelten heute als Kriminelle

Seit Wochen wird die Stimmung gegenüber den Demonstranten immer schlechter. Die Räumung des Tahrir-Platzes war der Höhepunkt. Die einstmals gefeierten Helden der Revolution gelten heute bei einigen Ägyptern als krimineller Haufen. Seit Wochen betitelt das Militär sie als Schläger, als Unruhestifter. Sie seien Landesverräter, würden die Wirtschaft Ägyptens lahm legen. Und auch die staatseigenen, meinungsführenden Medien hetzen gegen sie. Die Bevölkerung traut dem Militär, der Presse mehr als den Aktivisten. Die Ägypter sehnen sich nach Stabilität, nach Sicherheit.

Bereits Mitte Juli wurden friedliche Demonstranten auf einem Protestmarsch zum Militärrat nach Abbaseya, einem Stadtteil Kairos, angegriffen. Angeheuerte Schlägertrupps gingen mit Tränengas, Messer und Steine auf die unbewaffneten Demonstranten zu. Als die Demonstranten die Soldaten um Hilfe baten, schauten diese lediglich zu.

Eine Woche später folgt der nächste Schlag. Die Islamisten stellten sich hinter das Militär, sagten den Tahrir-Demonstranten den Kampf an. Zu hunderttausenden kamen sie aus den umliegenden Dörfern und vertrieben die meist säkularen Tahrir-Aktivisten vom Platz. "Ich habe das Gefühl, wir drehen uns im Kreis", sagt Rana. "Wir haben es immer noch mit dem gleichen Regime zu tun, als wäre die Revolution nie passiert."

In Zelten harrten einige Demonstranten auf dem Tahrir-Platz aus (Foto:DW)

In Zelten harrten einige Demonstranten bis zuletzt auf dem Tahrir-Platz aus

Neue Wege zum Protest

Nichts bewegt sich und die kleinen Erfolge der "zweiten Revolution" scheinen nicht einmal von der Bevölkerung wahrgenommen zu werden. Der drei Wochen andauernde Protest hat dazu geführt, dass das Kabinett umgebildet, Figuren aus dem alten Regime ausgetauscht wurden. Zudem wurden Polizeioffiziere, die während der Revolution vor einem halben Jahr Demonstranten getötet haben, suspendiert und auch den Märtyrer-Familien wurden Entschädigungen gezahlt.

Zufrieden sind die Tahrir-Aktivsiten damit aber noch nicht. Ihre Forderungen gehen weiter: Noch immer gibt es keine unabhängige Justiz. Vor dem Militärgericht wird Demonstranten kurzer Prozess gemacht, während Polizisten die in die gewalttätigen Auseinandersetzungen bei Demonstrationen verwickelt waren, immer noch nicht vor Gericht sind.

Für Veränderungen, für Demokratie wollen sie weiterhin einstehen. "Niemals werde ich aufgeben", sagt Beshoy. "Niemals. Ich glaube an die Revolution und ich glaube auch an Gott. Er wird uns helfen." Beshoy und Rana und die anderen Demonstranten müssen nun neue Wege finden um ihren Anliegen Ausdruck zu verleihen. Zuerst müssen sie das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen und sie von ihren Ideen überzeugen. Der Tahrir-Platz, der Platz der Freiheit, ist für sie vorest tabu. Er bleibt aber dennoch Beshoys zu Hause - zumindest symbolisch.

Autorin: Viktoria Kleber
Redaktion: Thomas Latschan

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