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Nahost

Ägyptens Heldin der Informationsfreiheit

Ob an der Front oder auf den Straßen Kairos: Die Ägypterin Abeer Saady hat immer aus der ersten Reihe berichtet. Jetzt wurde sie dafür sogar ausgezeichnet. Doch die Arbeit in Ägypten werde immer gefährlicher, sagt sie.

Seit über 23 Jahren arbeitet Abeer Saady als Journalistin. Und besonders in den vergangegen drei Jahren hat sie viel erlebt. "Mich kann nichts mehr überraschen - bei all den Krisen und Konflikten in der Region", sagt sie. "Aber ich freue mich sehr, dass mein Name neben denen meiner großen Vorbilder steht", fügt sie hinzu. Abeer Saady ist die einzige ägyptische Journalistin, die auf der diesjährigen Liste der 100 Helden der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen steht - neben Glenn Greenwald und Laura Poitras, die mit Edward Snowden die globale Überwachung und Spionage insbesondere der NSA aufdeckten und WikiLeaks-Gründer Julian Assange.

Mit dieser Würdigung attestierte ihr Reporter ohne Grenzen, dass sie besondere Leistungen für den kritischen Journalismus und für das allgemeine Recht auf Zugang zur Information erbracht hat.

Drittgefährlichste Land für Journalisten

Als sie in den Redaktionsräumen der ägyptischen Tageszeitung "Al-Akhbar" ankommt, gratulieren ihr die Kollegen. Dort arbeitet Abeer. Aber einen festen Arbeitsplatz hat sie, wie viele andere Reporter der zweitgrößten Tageszeitung Ägyptens, nicht. "Heute sitze ich auf einem besonderen Platz", sagt sie und zeigt auf einen Schreibtisch in der Ecke des kleinen Redaktionsraums. "Dort hat meistens mein verstorbener Kollege Ahmad Abdel Gawad gesessen."

Abeer Saady (Foto: DW)

Abeer wurde auch schon oft ins Ausland eingeladen

Ahmad Abdel Gawad wurde am 14. August 2013 getötet, als ihn bei einer gewaltsamen Räumung eines Protestcamps der Muslimbrüder in Kairo eine Kugel traf. Er ist einer von zwölf Journalisten, die seit 2011 getötet wurden. Zwanzig weitere Medienvertreter sitzen derzeit noch in Haft. Nach Angaben von Reporter ohne Grenzen ist Ägypten demnach das drittgefährlichste Land für Journalisten weltweit, nach Syrien und dem Irak.

Wegen der vielen

Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften sind Journalisten

besonders gefährdet, sagt Abeer. Abeer nennt die Auseinandersetzungen "Straßenkriege". "Die Zusammenstöße sind oft sehr gewaltsam", erzählt sie. Den involvierten Parteien sei es wichtig, dass ihre Taten nicht öffentlich werden. "Deshalb werden Journalisten, die die Ereignisse dokumentieren wollen, oft zur Zielscheibe von allen Parteien", sagt sie.

Polizisten unter Verdacht

Khaled Hussein ist so ein Fall. Der 22-jährige Fotojournalist wurde am 14. April von einer Kugel in der Brust getroffen, als er als Fotograf bei einer Demonstration der Muslimbrüder im Einsatz war. Er ist dem Tod nur knapp entkommen und kann daher seine Geschichte selber erzählen. "Ich bin mir sicher, dass es Polizisten waren, die auf mich geschossen haben", erzählt er bei einem Krankenhausbesuch. "Zwischen mir und der Mauer, hinter der die Polizisten mit ihren Gewehren standen, war sonst niemand", erinnert er sich. Für die Verletzungen von Journalisten wie Khaled Hussein seien allein die Muslimbrüder verantwortlich, so die offizielle Version. Khaled Hussein ist inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen worden.

"Einige der Opfer haben sogar ihre Mörder fotografiert", sagt die Journalistin. "Wir haben bisher noch nicht gehört, dass ein Polizist oder ein Soldat dafür verurteilt wurde, weil er einen Journalisten getötet hat. Auch von den anderen Parteien wurde niemand dafür zur Rechenschaft gezogen." Dass dies bisher noch nicht geschehen sei, werfe die Frage auf, ob die

Behörden

mit den Taten indirekt einverstanden seien.

Porträts der getöteten Journalisten auf der Wand der Journalistengewerkschaft in Kairo (Foto: DW)

Poträts der getöteten Journalisten an der Wand der Gewerkschaft

Streit um den Schutz für Journalisten

An den Außenwänden der Journalisten-Gewerkschaft haben Kollegen überdimensionale Porträts ihrer getöteten Kollegen gemalt - darunter stehen die Namen und das Datum der Ermordung. Ab und zu kommen Passanten vorbei und machen Fotos davon. "Früher haben uns die Leute besucht, um mehr über unsere Arbeit zu erfahren. Heute fotografieren sie unsere Toten", sagt Abeer Saady mit wütender Stimme. Schon das dritte Mal hatte man sie in den Vorstand der Journalisten-Gewerkschaft gewählt. Doch jetzt hat sie ihre Funktion dort erst mal auf Eis gelegt.

Die Meinungsverschiedenheiten über den Schutz von ägyptischen Journalisten seien zu groß. Ein Teil der Gewerkschaftsfunktionäre hatte vorgeschlagen, die Reporter mit kugelsicheren Westen auszustatten.Doch das löse nicht das Problem, meint Abeer. Im Gegenteil: "Das wird die Reporter noch mehr gefährden, weil die Schutzwesten die Tarnfarben des Militärs tragen. Das Militär ist in Ägypten ein Teil des Konflikts geworden und von den anderen Parteien könnten sie daher als Armee-Sympathisanten angesehen werden."

Karem Mahmoud, der Generalsekretär der Gewerkschaft, ist der Ansicht, dass die Medienhäuser für die Versicherung und den Schutz der Journalisten in der Pflicht seien. Viele der Opfer seien junge Journalisten, sagt Abeer. Sie stünden erst am Anfang ihrer Karriere. "Oft trauen sie sich nicht, Nein zu sagen, wenn man sie bittet, von einer Demonstration zu berichten", fügt sie hinzu. "Einerseits sind diese Jugendlichen die Hoffnung unseres Landes", sagt sie. "Andererseits traue ich mich nicht, diesen Kollegen in die Augen zu schauen, weil ich nicht weiß, wer der Nächste sein könnte."

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