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Afrika

Ägyptens Bauern geht das Wasser aus

In Ägypten wächst die Bevölkerung jährlich um 1,6 Millionen Menschen. Zugleich streiten die Anrainerstaaten des Nils um Ressourcen. So wird das Wasser für Ägyptens Bauern immer knapper und ihre Äcker versalzen.

Getreidefeld im Nildelta (Foto: DW)

Getreide braucht viel Wasser. Dennoch wird es im Nildelta angebaut

Windböen wirbeln heißen Sand auf zwischen schäbigen Lehm- und Betonhäuschen an einer löchrigen Asphaltpiste. Magere Rinder und Ziegen ducken sich unter Dattelpalmen; überall im Sand ringsum stecken schwarze Bewässerungsschläuche. New Nubaria liegt im ägyptischen Nildelta, etwa 80 Kilometer von der Mittelmeerküste entfernt. Diese 250.000 Hektar große Wüstenregion verwandelte Ägyptens Regierung Mitte der 1980er Jahre in Ackerland – für 200.000 Bauern, die im so genannten "alten" Land kein Auskommen mehr fanden. Mit Nilwasser, das über Kanäle hierher geleitetet wird, versuchen die Bauern ihre Erdnüsse, Bohnen und Orangenbäume am Leben zu halten.

Der Kampf gegen das Salzwasser

Badende Ägypter in einem Bewässerungskanal (Foto: DW)

Die Bewässerungskanäle sind auch nützlich für ein erfrischendes Bad

Abdel Chatr ist Fellache. Früh gealtert, trübe Augen über struppigem Bart lebt er seit 23 Jahren in dieser unwirtlichen Umgebung. Fünf Feddan, zwei Hektar, besitzt der Bauer. 1987 hatte er eine Anzeige des Landwirtschaftsministeriums gelesen, die hier in der Wüste Land zu günstigen Bedingungen anbot. "Schon nach zwei Jahren aber konnte ich mein Land nicht mehr nutzen", erzählt der Bauer. "Es war durch versalzenes Grundwasser unbrauchbar geworden. Seitdem arbeite ich als Tagelöhner."

Mit hängenden Schultern steht der Vater von drei Jungen neben einem von Unkraut und Müll verstopften Entwässerungskanal. Ein Mann ohne Hoffnung, wie viele hier. Inzwischen sind 15 Prozent des Wüstenackerlands von New Nubaria nicht mehr nutzbar, weil das Grundwasser zu hoch steht und versalzen ist. Die Ursachen: Immer weniger Nilwasser fließt ins Mittelmeer. Deshalb dringt immer mehr Salzwasser ins Landesinnere Ägyptens, das teilweise unter dem Meeresspiegel liegt. Und es wird immer teurer, Agrarflächen in dem völlig vom Nilwasser abhängigen Land zu bewässern.

An den Grenzen des Wachstums

"Die Bevölkerung Ägyptens wächst rapide, die Industrialisierung schreitet voran und Oberanrainer des Nils wie Äthiopien und Uganda beanspruchen jetzt Wasser, um ihre Äcker zu bewässern", erklärt Paul Weber von der "Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit", GTZ, die die Regierung in Bewässerungsfragen berät. "Und so stößt Ägypten immer schmerzhafter an Grenzen, seine wachsende Bevölkerung zu ernähren."

Die Produktivität der ägyptischen Landwirtschaft, die zu den effizientesten der Welt zählt, ist kaum noch zu steigern. Auch das Sparen von Wasser ist schwierig. Denn zum Einen muss aus landwirtschaftlich genutzten Böden regelmäßig Salz ausgespült werden, damit die Wüsten- und Schwemmböden fruchtbar bleiben. Zum Anderen sind im Nildelta wasserintensive Kulturen wie Reis unabdingbar, um genügend Süßwasserdruck gegen das landeinwärts drängende Meerwasser zu erzeugen.

Großbauer Hajid Gnedi (Foto: DW)

Hajid Gnedi: Der Großbauer ist zornig auf die Äthiopier, die ihm "sein" Wasser nehmen

Auch deshalb lassen sich nur begrenzt durstige durch weniger durstige Kulturen ersetzen. Zuckerrohr zur Herstellung von Zucker verbraucht sehr viel Wasser, erklärt Paul Weber von der GTZ. "Stattdessen könnte man im nördlichen Delta Zuckerrüben anbauen. Das verbraucht weniger Wasser."

Verseuchtes Nilwasser

Hinzu kommt das rapide zunehmende Problem der Wasserverschmutzung in Ägypten: Rückstände aus immer heftigerem Dünger- und Pestizideinsatz sowie die Abwässer von 20 Millionen Menschen allein im Großraum Kairo fließen meist ungeklärt zurück in den Nil. Sie belasten das Wasser im Nil-Delta so stark, dass dort Lebererkrankungen stark zunehmen und die Lebenserwartung sinkt.

Offenbar ist Ägypten nicht im Stande, seine großen Herausforderungen von Wassermangel und Bevölkerungswachstum zu meistern, meint Paul Weber. Deshalb schlittere das Land wohl unausweichlich in die weitere Verelendung: "Wir haben 1,6 Millionen Menschen mehr jedes Jahr. Keine Regierung, kein Programm, keine internationale Zusammenarbeit kann außerhalb der traditionellen Bereiche wie Landwirtschaft so viele Arbeitsplätze schaffen." Und es gäre ganz gewaltig unter der Oberfläche, hat der Entwicklungshelfer beobachtet. "Vor allem bei den frustrierten und enttäuschten jungen Männern, die nicht die Chance bekommen, so viel Geld zu verdienen, dass sie wenigstens heiraten und eine Wohnung kaufen können für ihre Familie."

Der Zorn der Bauern

Ägyptischer Bauer Abdel Chatr (Foto: DW)

Abdel Chatr: Der Wüstenbauer muss heute als Tagelöhner arbeiten

Auch unter bislang wohlhabenden Bauern, die fruchtbares Schwemmland im Nildelta bewirtschaften, wächst der Zorn. Im Bezirk Behera wohnt der Großbauer Hajid Gnedi. Er nennt 20 Feddan, fünf Hektar Land, sein eigen. Und er fühlt sich drangsaliert von der Wasserbehörde, die das Wasser in seinen Bewässerungskanäle neuerdings rationiert.

Die Schuld schiebt er jedoch nicht auf die Behörde, sondern auf die Oberanrainer des Nils wie Äthiopien und Uganda. Die zweigten schon jetzt viel mehr Wasser vom Nil ab, als ihnen zustehe, sagt der Großbauer. "Wäre ich Präsident Ägyptens", sagt Gnedi, "würde ich diesen Ländern nicht erlauben, uns zu erpressen und immer weniger Wasser den Nil hinab fließen zu lassen. Ägypten hat das Recht auf seinen Anteil an diesem Wasser – ohne jeden Abzug."

Konflikte sind vorprogrammiert

Doch angesichts des rasanten Bevölkerungswachstums erheben nun auch die Oberanrainer wie Äthiopien mit 85 und Uganda mit 33 Millionen Einwohnern Anspruch auf ihren Anteil am Nilwasser – vor allem für die Bewässerung in der Landwirtschaft. Am 14. Mai 2010 verabschiedeten die Nil-Oberanrainer ein "Rahmenabkommen zur Nutzung der Nilressourcen", das den alten Anspruch Ägyptens auf fast 90 Prozent des Nilwassers durch die Leitlinie einer "gerechten Verteilung" ersetzt. Ägypten und der von Kairo abhängige Sudan reagierten mit Drohungen und Säbelrasseln. So scheint ein Konflikt um das Nilwasser für die Zukunft unvermeidbar.

Autor: Thomas Kruchem
Redaktion: Helle Jeppesen/Stephanie Gebert

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