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Politik

Ägypten versinkt im Chaos

Häftlinge fliehen aus den Gefängnissen, Bürgerwehren organisieren sich gegen Plünderer, die Armee muss Urlaubsgebiete schützen. Die unsichere politische Lage wirkt sich immer dramatischer auf den Alltag in Ägypten aus.

Zerstörtes Einkaufszentrum in Kairo (Foto: AP)

Zerstörtes Einkaufszentrum in Kairo

"Sie lassen es zu, dass Ägypten bis auf die Grundmauern abbrennt", sagte ein 35-jähriger Einwohner von Kairo einem Reporter der Nachrichtenagentur Reuters angesichts zahlreicher Brände in der Stadt, die nicht von der Feuerwehr bekämpft werden.

In weiten Teilen der Bevölkerung, aber auch bei Touristen lösten zudem Berichte über freigekommene Schwerverbrecher, zahlreiche Vergewaltigungen und die Plünderung vieler Geschäfte am Sonntag (30.01.2011) Angst und Panik aus.

Zwar bewacht das Militär die wichtigsten öffentlichen Gebäude wie den Präsidentenpalast und die historische Zitadelle in Kairo sowie Banken und große Kreuzungen. Doch den normalen Bürger schützt derzeit offenbar niemand. Die Polizei hat sich weitgehend zurückgezogen.

Tausende Demonstranten im Zentrum von Kairo (Foto: AP)

Die Menge skandiert: Mubarak muss weg

El Baradei beteiligt sich an Massenprotesten

Am Sonntag gingen auch nach Beginn der Ausgangssperre wieder tausende Regierungsgegner in der Hauptstadt auf die Straße. Auf dem zentralen Tahrir-Platz versammelten sich etwa 7000 Demonstranten. Die Menge skandierte: "Staatschef Hosni Mubarak muss gehen - wir gehen nicht. Wir werden unsere Seele und unser Blut für das Vaterland opfern."

Den Protesten im Zentrum Kairos schloss sich auch der offiziell unter Hausarrest stehende Oppositionspolitiker und Friedensnobelpreisträger Mohamed El Baradei an. Der ehemalige Chef der UN-Atomenergie-Organisation IAEA betonte: "Was wir angefangen haben, kann nicht rückgängig gemacht werden." Zuvor hatte El Baradei gegenüber dem US-Sender CNN bekräftigt: "Er (Mubarak) muss das Land verlassen, in den nächsten drei oder vier Tagen."

Muslimbrüder fordern Einheitsregierung

Auch die größte Oppositionsbewegung in Ägypten, die Muslimbruderschaft, forderte nochmals den Rücktritt des 82-jährigen Staatschefs. Sie rief die anderen oppositionellen Gruppierungen zur Bildung einer Regierung der Nationalen Einheit auf.

Mit El Baradei gebe es bereits Gespräche, sagte der Sprecher der Muslimbrüder, Dschamal Naser, der Nachrichtenagentur dpa in Kairo.

Ausländer wollen Ägypten verlassen

Ein ägyptischer Soldat versucht, die Demonstranten zurückzuhalten (Foto: AP)

Trotz Verletzungen gibt die Opposition nicht nach

Wegen der Zuspitzung der Lage wollen immer mehr Ausländer das Land schnell verlassen. Auf dem internationalen Flughafen in Kairo warten derzeit Tausende Menschen auf Sondermaschinen.

Die deutsche Botschaft in Kairo bereitet sich auf eine steigende Zahl ausreisewilliger Bundesbürger vor. Der Krisenstab des Auswärtigen Amts in Berlin beschloss deshalb, weitere Konsularbeamte nach Ägypten zu schicken. Die USA riefen ihre Bürger zur Ausreise auf.

Tausende Häftlinge geflohen

In der vergangenen Nacht flohen auch Tausende Häftlinge aus ägyptischen Gefängnissen. Sicherheitsmitarbeiter gaben an, die Gefangenen in mindestens vier Haftanstalten hätten Feuer gelegt und die Wachleute angegriffen. In den betroffenen Gefängnissen waren auch zahlreiche militante Islamisten und Schwerstverbrecher untergebracht.

Bewohner organisierten Bürgerwehren, um sich vor Übergriffen zu schützen. Sogar in das Ägyptische Museum drangen Plünderer ein. Nach einem Bericht des Senders Arabija zerstörten sie zwei wertvolle Mumien. Das Museum beherbergt neben anderen unwiederbringlichen Exponaten die goldene Maske des Pharaos Tutenchamun.

Armee rückt in Scharm el Scheich ein

Strandkulisse in Scharm el Scheich

Sind die Urlaubsorte noch sicher?

Die ägyptische Armee rückte in Teile der Touristenhochburg Scharm el Scheich ein. Auch in Al-Arisch im Norden der Sinai-Halbinsel hätten Soldaten Stellung bezogen, berichteten Augenzeugen und Sicherheitskreise. Scharm el Scheich ist ein auch bei vielen deutschen Urlaubern beliebter Ferienort. Die Armee wird von den meisten Ägyptern respektiert - im Gegensatz zur Polizei, die als brutal und korrupt gilt.

Angesichts des politischen Machtvakuums und der chaotischen Zustände in Ägypten übernehmen zunehmend die Armee und der Geheimdienst die Führung des Landes.

Soldat auf einem Panzer liest Zeitung (Foto: AP)

Die Armee genießt das Vertrauen der Ägypter

El Dschasira sendet trotz eines Verbots weiter

Nachdem in den vergangenen Tagen Internet- und Handyverbindungen gestört worden waren, versucht die Regierung nun auch die Information der Bürger durch das Fernsehen zu unterbinden. Der arabische Sender El Dschasira muss seine Arbeit in Kairo mit sofortiger Wirkung einstellen. Das ägyptische Informationsministerium entzog dem Kanal die Akkreditierungen für alle Redakteure und wiederrief die Sendelizenz für das Kairoer Büro. El Dschasira hatte teils rund um die Uhr über die explosive Lage in Ägypten berichtet.

In einer Erklärung des Senders wurde die Entscheidung der Behörden als "Zensur der Stimme des ägyptischen Volkes" scharf verurteilt. Die Berichterstattung über die Ereignisse in Ägypten werde dennoch fortgesetzt, hieß es.

Bei den Unruhen, die am Dienstag begonnen hatten, wurden bislang mehr als 100 Menschen getötet. Die meisten Opfer sind Demonstranten, die bei Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften ihr Leben verloren. Mehr als 2000 Menschen wurden verletzt.

Autoren: Thomas Grimmer, Susanne Eickenfonder (dpa, dapd, rtr, afp)
Redaktion: Hartmut Lüning

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