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Kultur

Ägypten streitet um die Organspende

Organspende ist in Ägypten ein heikles Thema. Denn nach pharaonischer Tradition darf aus dem toten Körper nichts herausoperiert werden - doch Organspender fehlen dringend. Eine heftige Debatte spaltet das Land.

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Pharaonisches Verständnis gegen medizinischen Bedarf


Hepatitis, die die Niere angreift, ist in Ägypten weit verbreitet. Doch Hassan Abu El Einen, Direktor eines Zentrums für Nieren-Krankheiten in Mansoura, schätzt, dass nur sieben Prozent seiner Patienten ein neues Organ bekommen können, obwohl es 30 bis 50 Prozent benötigen würden. "Einfach weil es kein Gesetz gibt, nach dem wir nach dem Tod Organe entnehmen könnten", klagt El Einen.


"Es macht keinen Sinn, ein Gesetz zu verabschieden, wenn die Gesellschaft dafür nicht bereit ist", sagt dagegen Hossam Badrawi, ein einflussreicher Abgeordneter des ägyptischen Parlaments. In anderen islamischen Ländern wie Saudi-Arabien, Pakistan oder Kuwait wird Organ-Entnahme nach dem Tod praktiziert. Doch in Ägypten kommt das pharaonische Verständnis vom Leben nach dem Tod hinzu, für das ein intakter Körper eine wichtige Rolle spielt.

Entwurf im Sande verlaufen

Kairo Blick über den Nil

Kairo ist gespalten. Religionsvertreter sind für eine Organspende nach dem Tod - andere fürchten Organhandel

Der Ärzteverband hat schon vor mehr als zwei Jahren dem Parlament einen Gesetzesentwurf vorgelegt. Er sieht vor, dass drei Mediziner, die von einer Operation finanziell nicht profitieren würden, unabhängig voneinander den Gehirntod feststellen müssen.

Das Gesundheitskomitee leitete den Entwurf an die zweite Kammer des Parlaments weiter, von wo er trotz der vorgeschriebenen Fristen nie zurückkam. Im aufgeheizten innenpolitischen Klima ist der ägyptischen Regierung das Thema zu heiß, obwohl die religiösen Führer des Landes die Initiative unterstützen.

Religiöse Anführer zeigen sich liberal

Organspende

Kühlbox für eine Spenderniere

Scheich Mohammed Tantawi von der Kairoer Azhar-Universität, einer wichtigen Autorität im sunnitischen Islam, sieht das Thema liberal. Zwar könne der Mensch mit seinem ihm von Allah anvertrauten Körper nicht machen, was er wolle. Aber es sei auch seine Aufgabe, seinen Körper zu heilen. Die Ärzte seien dafür verantwortlich, die religiösen Grundlagen mit der modernen Medizin zusammenzubringen. Ähnlich argumentiert die koptische Kirche.


Hamdy El Sayed, Vorsitzender des ägyptischen Ärzteverbandes und des Gesundheits-Komitees des ägyptischen Parlaments,

sagt, dass auch die offiziell verbotene Muslim-Bruderschaft keine Bedenken habe. "Sie haben hier großen Einfluss, und sie haben überhaupt keine Einwände." Wie andere Berufsverbände auch, hat die offiziell verbotene Muslim-Bruderschaft mangels anderer Plattformen den Ärzteverband unter ihre Kontrolle gebracht.

Angst vor Organhandel

Parlament in Kairo Ägypten

Das ägyptische Parlament wird vorerst nicht über den Gesetzentwurf zur Organspende entscheiden: Das Thema ist der Regierung zu heikel

Doch es gibt auch Gegner. Einige einflussreiche Professoren der Kairoer Universität und der Ain-Shams Universität mit guten Verbindungen ins Parlament polemisieren hinter den Kulissen und in der Presse gegen das Gesetz. Sie schüren Ängste vor illegalem Organhandel. Auch erkennen sie den Hirntod nicht als Tod an. "Sie meinen, das Gehirn könne nicht tot sein, wenn das Herz noch schlägt. Das ist die Tradition und die Lehre: Tote müssen einen kalten Körper haben", sagt El Sayed.

Mächtig, aber nicht gut informiert


Die Debatte zwischen Ärzten und Gelehrten geht über die Köpfe der Bevölkerung hinweg. Manche Ägypter sind - entgegen der Auffassung führender Vertreter des Islams - gegen eine Organentnahme nach dem Tod.

Kamal Abul Magd, Vorsitzender des "Azhar-Rates für islamische Forschung", macht für die Spaltung die Freitagsprediger verantwortlich, die die Bevölkerung maßgeblich beeinflussen. "Man kann sich nicht auf sie verlassen, wenn es darum geht, die Rechte eines Lebenden mit denen eines Toten zu vergleichen. Sie haben einige Koranverse auswendig gelernt, aber kennen die Grundlagen islamischer Rechtsprechung nicht."





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