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Nahost

Ägypten ringt um seine Identität

In Ägypten ist es erneut zu Ausschreitungen zwischen Kopten und Muslimen gekommen. Doch bei den Zusammenstößen geht es nur indirekt um die Religion. Bei dem Konflikt stehen ganz andere Fragen im Vordergrund.

Blick auf die Sankt-Markus-Kathedrale in Kairo während der Ausschreitungen, 7.4. 2013 (Foto: dpa)

Sankt-Markus-Kathedrale in Kairo während der Ausschreitungen am 7. April

Ein Kreuz auf einem Gebäude der Azhar-Universität, einer der größten und bedeutendsten religiösen Institutionen nicht nur Kairos, sondern der gesamten islamischen Welt. Dorthin hatten ein paar koptische Halbwüchsige das christliche Symbol gesprayt, motiviert offenbar durch Ausschreitungen in der Provinz, Qalyubiyya nördlich von Kairo. Dort waren am Freitag (05.04.2013) Kopten und Muslime aneinandergeraten. Nach den Zusammenstößen zählte man vier tote Kopten und einen toten Muslim.

Das Kreuz wiederum provozierte einige bislang unbekannte Männer derart, dass sie am Samstag die Besucher der Trauerfeierlichkeiten für die toten Kopten in der Sankt-Markus-Kathedrale in Kairo angriffen. Sie schleuderten Steine und Molotow-Cocktails auf die Trauergäste. Die wehrten sich und stimmten dabei Parolen gegen die regierende Muslimbruderschaft und Präsident Mohammed Mursi an. Die Spannung schaukelte sich weiter hoch, bald lieferten sich die beiden Gruppen eine hitzige Straßenschlacht. Erst am Sonntag beruhigte sich die Lage wieder.

Erzwungene Politisierung

Ein koptisches Haus in Khosous, nördlich von Kairo, nach den Ausschreitungen zwischen Kopten und Muslimen, 6.4. 2013 (Foto: Reuters)

Spuren der Gewalt: Koptisches Haus in Khosous nordöstlich der Hauptstadt Kairo

Die Zusammenstöße zeigen, wie gespannt das Verhältnis zwischen Kopten und Muslimen, zumindest aber zwischen den radikalen Mitgliedern der beiden Gruppen derzeit ist. Allerdings habe sich der Charakter der Spannungen geändert, erklärt der Politologe Gamal Soltan von der American University in Kairo. Rivalitäten zwischen den beiden Konfessionen habe es immer schon gegeben. Ihnen hätten in der Regel rein religiöse Motive zugrunde gelegen. Jetzt aber gehe es um etwas ganz anderes, nämlich um die religiöse und politische Identität Ägyptens. Seit Monaten streiten die Ägypter um die Rolle der Religion im Staat. Zwischen den Befürwortern eines religiös begründeten Staatswesen und jenen, die eine weltliche Ordnung wollen, verlaufe ein tiefer Riss, unterstreicht Gamal Soltan: "Und die Gemeinschaft der Kopten ist tief in diesen Konflikt verstrickt."

Würde Ägypten eine islamische Republik, sähen die Kopten ihre Identität bedroht. "Darum sympathisieren sie eher mit der säkularen Opposition." Die Mehrheit der ägyptischen Christen versuche sich aus solchen politischen Debatten nach Möglichkeit herauszuhalten, meint der Politologe: "Doch die Unruhen der letzten Zeit haben die Kopten regelrecht dazu gezwungen, Position zu beziehen. Eigentlich hatten sie das vermeiden wollen, aber die Situation ließ ihnen keine Wahl."

Bischof Tawadros II, das Oberhaupt der Kopten, Foto vom 7.10. 2013 (Foto: AFP)

Gegen einen religiösen Staat: Bischof Tawadros II., geistliches Oberhaupt der Kopten

Dass die Zusammenstöße vor dem Hintergrund einer grundsätzlichen Debatte über die Identität Ägyptens stattfinden - daran lassen auch die Worte des koptischen Patriarchen Tawadros II. keinen Zweifel. "Ägypten war immer ein säkularer Staat", erklärte er nach den Ausschreitungen Anfang April. "Die Religion hat ihre eigenen Foren. Die Absicht, Ägypten in einen nicht-säkularen Staat zu verwandeln, lehnen wir absolut und in aller Entschiedenheit ab."

Aufgeheizte religiöse Atmosphäre

Präsident Mursi hat die Attacke auf die Trauergemeinde unterdessen in scharfen Worten verurteilt. "Jeder Angriff auf die Kathedrale ist wie ein persönlicher Angriff auf mich", erklärte er in einer öffentlichen Stellungnahme. Kritiker werfen ihm allerdings vor, durch den betont religiösen Charakter seiner Amtsführung für die aufgeheizte Stimmung mit verantwortlich zu sein.
"Die jungen Leute müssen sich auf die Toleranz der drei monotheistischen Religionen besinnen", erklärt Hamdeen Sabahi, der bei den Präsidentschaftswahlen 2012 als Vertreter der säkularen Kräfte angetreten war. "Wir müssen mehr sehen als nur muslimische Scheichs und koptische Priester, die sich die Hand reichen", fordert Sabahi im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Die Zusammenstöße zwischen Kopten und Muslimen heizen allerdings nicht nur die interkonfessionellen Spannungen weiter an. Sie stellen in den Augen vieler Ägypter auch die Ideale der friedlichen Demonstranten in Frage, die im Februar 2011 Präsident Mubarak aus dem Amt getrieben hatten. "Das soll nun Demokratie sein", kommentierte ein junger Kopte ägyptischen Medienberichten zufolge die Angriffe auf seine Religionsgruppe - und gab damit dem Empfinden sehr vieler Ägypter Ausdruck, die die Zeit nach Mubarak vor allem als eine Zeit größerer politischer und ökonomischer Unsicherheit erleben.

Komplexer Frontverlauf

Muslimische Jugendlcihe demonstrieren in Kairo, gegen Mursi, 6.4. 2013 (Foto: Reuters)

Muslime gegen Mursi

Umso mehr komme es darauf an, einen genauen Blick auf die politischen Lager zu werfen, erklärt der Journalist und Politologe Ashraf Khalil, Autor einer umfangreichen Studie zur ägyptischen Revolution. Er weist darauf hin, dass die Gegner der derzeitigen Regierung sich nicht nur aus Kopten und Säkularen zusammensetzen. "Unter Mursis Gegnern sind auch viele Muslime - ernsthafte, praktizierende Muslime. Auch sie trauen Mursi und den Muslimbrüdern nicht." Die Fronten verliefen darum keineswegs zwischen einem religiösen und einem nicht-religiösen Lager. "Ich spreche lieber von Islamisten und Anti-Islamisten." Man könne durchaus religiös und gleichzeitig ein Gegner Mursis sein. "Das heißt ja nicht, dass man ein Säkularer ist. Man will bloß keine islamistische Regierung."

Die politischen Fronten in Ägypten verlaufen entlang unterschiedlicher, nicht immer leicht zu erkennender Linien. Genau dies machen sich die Radikalen der beiden großen Glaubensgemeinschaften zunutze. Sie wissen, dass sich durch religiösen Extremismus mehr Menschen mobilisieren lassen als durch komplexe politische Analysen.