1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Nahost

Ägypten: Haft für Arzt, der helfen wollte

Vom deutschen Uniklinikum ins Kairoer Hochsicherheitsgefängnis. Der Fall eines ägyptischen Arztes zeigt, dass Regierungskritiker fünf Jahre nach Beginn der ersten Proteste weiter gefährlich leben. Aus Kairo Farid Farid.

Er war auch dabei, am 19. November 2011 im Zentrum Kairos, bei den Zusammenstößen zwischen Protestierenden und dem Militär in einer Seitenstraße des Tahrir-Platzes. 42 Menschen starben damals. Doch Ahmed Said demonstrierte nicht gegen das Regime, sondern behandelte diejenigen, die von dessen Soldaten verletzt worden waren. Ahmed Said ist Chirurg. Mitten auf der Straße versorgte er blutende Menschen. An anderen Tagen kümmerte er sich in einem provisorischen Krankenhaus in der Nähe um Verwundete.

Ahmed Said ist Ägypter wie die Landsleute, die er versorgt hat, aber er hat einige Monate in der Abteilung für Gefäßchirurgie an der Universitätsklinik in Frankfurt gearbeitet. Und er ist immer wieder in seine Heimat zurückgekehrt. Das wurde ihm zum Verhängnis.

Jetzt sitzt Said in einem der berüchtigtsten Gefängnisse Ägyptens. Im November 2015 wurde er gemeinsam mit vier weiteren Personen in einem Café in Kairos Innenstadt festgenommen, nur wenige Stunden nachdem er an einem stillen Protest in Erinnerung an die Opfer vom November 2011 teilgenommen hatte.

"Er war nur nach Kairo gekommen, um ein bisschen Papierkram zu erledigen, dann wollte er zurück nach Frankfurt und sein Leben fortsetzen", erzählt Ahmed Saids Schwester Lamia der DW.

Im Hochsicherheitstrakt

Wie es scheint, wird Ahmed Said so bald nicht nach Deutschland zurückkehren. Ein ägyptisches Gericht hat ihn zu zwei Jahren Gefängnisstrafe verurteilt, er habe bei dem stillen Protest den Verkehr blockiert. Ende Januar wird es eine Berufungsverhandlung geben.

Anhänger der Free Ahmed Said-Kampagne vor Brandenburger Tor (Foto: Free Ahmed Said Campaign, Cairo)

Ein Aktivist setzt sich in Berlin für die Befreiung Saids ein

"Er fühlt sich Ägypten so verbunden", sagt Lamia Said: "Er liebt es, durch die Straßen zu spazieren, vor allem am Morgen. Er hätte die Dinge auch von Deutschland aus organisieren können." Er wäre nur gekommen, weil er Ägypten so sehr vermisste, so Saids Schwester weiter.

Ihren Angaben zufolge wurde Ahmed Said in dem Gefängnis gefoltert. Zudem soll er im Dezember 2015 in einen Hungerstreik gegangen sein, um gegen seine Haftbedingungen zu protestieren. Daraufhin wurde er in den berüchtigten Hochsicherheitstrakt "Aqrab" (deutsch: Skorpion) verlegt. "Wir verstehen nicht, warum er nun an einem Ort gelandet ist, der eigentlich reserviert ist für Terroristen und die schlimmsten Verbrecher, die das Land bedrohen", sagt Lamia Said. "Wie kann es sein, dass er dort gelandet ist, er kam nur für ein paar Urlaubstage nach Ägypten."

Regime in Panik

Saids Festnahme fiel in eine Zeit, in der das ägyptische Regime hart durchgreift, wohl auch in Vorbereitung auf den fünften Jahrestag des Beginns der ägyptischen Revolution am 25. Januar 2011. Zahlreiche Aktivisten wurden bereits verhaftet, Administratoren ungemütlicher Facebook-Seiten festgenommen und über 5.000 Apartments in Kairo bei Razzien durchsucht.

"Das Regime verfällt in Panik", sagt Kahled Fahmy, Leiter des Lehrstuhls für Geschichte an der Amerikanischen Universität Kairo (AUC) und derzeitiger Gastprofessor an der US-amerikanischen Eliteuniversität Harvard. Das Regime sei stark und verfüge über viel Macht und kontrolliere so alle Lebensbereiche, so Fahmy. "Aber auch abgesehen davon, dass das Regime alle Zentren der Opposition zerstört und unzählige Jugendliche und Oppositionelle fasst, agiert es derzeit sehr bizarr und besinnungslos." Grund dafür sei der 25. Januar: "Der Tag ist zu einem Symbol für eine existenzielle Bedrohung des ägyptischen Staates geworden."

Fahmy wurde 2011 vom Kulturministerium Ägyptens damit beauftragt, eine nationale Arbeitsgruppe anzuführen, die die Revolution dokumentieren sollte. Fahmy sagt, schon vor 2011 habe es immer wieder revolutionäre Bestrebungen gegeben, die von dem damaligen Regime unterdrückt wurden. Doch die aktuelle Regierung greife in einer nie dagewesenen Form und Härte durch, sagt der Professor. Es sei eine Antwort auf "ein Gespenst, das das Regime schon lange verfolgt", so Fahmy.

Frau malt Graffiti (Foto: picture alliance/AP)

Viele Betreiber kritischer Facebook-Seiten wurden festgenommen

Keine Menschenrechte, keine Pressefreiheit

Seitdem der amtierende ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi den islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi im Juli 2013 aus dem Amt putschte, hat das Land einen turbulenten politischen und wirtschaftlichen Pfad eingeschlagen. Dazu gehören auch offenkundige Verletzungen der Menschenrechte oder die Abschaffung der Pressefreiheit.

Eines der Opfer ist Ahmed Said. Eliane sagt, er sei nach Ägypten gereist, um Vorbereitungen für ihre Hochzeit zu treffen. Sie ist Saids Verlobte, ihren Nachnamen will sie nicht nennen. "Ich vermisse ihn die ganze Zeit. Es tut weh zu wissen, dass er nicht sicher ist", sagt Eliane, die an der Freien Universität Berlin Anthropologie studiert. Sie und Ahmed Said lernten sich vor zwei Jahren bei Protesten in Frankfurt kennen, erzählt die Studentin. "Ich versuche, mich auf das Schlimmste gefasst zu machen. Hoffnung ist dabei eine gefährliche Sache."

Unterstützung von deutschen Politikern

Mittlerweile ist auch die deutsche Politik auf den Fall Ahmed Saids aufmerksam geworden. So sprach die grüne Bundestagsabgeordnete Franziska Branter das Thema im Parlament an. Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International setzt sich für Said ein und bezeichnet die Anklagepunkte, die gegen ihn erhoben wurden, als "Scheinbeschuldigungen".

Amnesty International veröffentlichte kürzlich einen bewegenden Brief, den Ahmed Said aus dem Gefängnis verschickt hat: "Ich habe getan, was ich getan habe, um mich frei zu fühlen. Und auch, um meine Freiheit zurückzubekommen, bevor sie zu nicht mehr als einer Erinnerung verpufft. Ich wollte den letzten Lichtstrahl der Revolution aufrechterhalten."

Die Redaktion empfiehlt