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Welt

Ägypten: Die Flüchtigen von Minia

Nach den Massentodesurteilen von Minia sind hunderte Angeklagte vor der Justiz geflüchtet. Sie lassen verzweifelte Familienangehörige zurück und viele offene Fragen. Hoffnung auf Gerechtigkeit haben nur wenige.

Die Flüchtigen Männer Atef Ahmad Hassan und Mabrouk Farag (Foto: DW)

Atef Ahmad Hassan (l.) und Mabrouk Farag (r.) sind seit mehreren Monaten auf der Flucht

"Wenn mein Sohn jemanden umgebracht haben sollte, dann würde ich ihn zuerst erschießen, bevor die Regierung das tut", sagt Abdelhalim Salama Sayyed mit wütender Stimme. "Wenn er so was tut, dann habe ich als Vater versagt." Der Bauer hat seinen Sohn seit mehr als drei Monaten nicht gesehen - seit dem Tag Ende März als ein Richter gleich 529 Angeklagte in einem

Eilverfahren zum Tode verurteilte

.

Sie alle sollen am 14. August 2013 die Polizeistation in Matay im Gouvernement Minia gestürmt und den Polizisten Mostafa El-Attar umgebracht haben. Vier weitere Beamte wurden schwer verletzt. Auch Moatamad Abdelhalim Salama, der Sohn von Bauer Sayyed, soll an dem Vorfall beteiligt gewesen sein.

"Wenn nur der Zaun sprechen könnte"

Sein Vater ist hingegen von seiner Unschuld fest überzeugt. Unter der glühenden Sonne muss der 73-Jährige in diesen Tagen viel arbeiten: In seiner Bananenplantage in Cheikh Hassan, einem Dorf unweit der Stadt Minia, entfernt Sayyed Unkraut, fällt kranke Bäume. Sein Sohn habe ihm an dem besagten Abend bei der Feldarbeit geholfen, versichert er.

Bauer Abdelhalim Salama Sayyed auf seiner Bananenplantage (Foto: DW)

Bauer Abdelhalim Salama Sayyed auf seiner Bananenplantage: Er ist sich sicher, dass sein Sohn unschuldig ist

Bis zum späten Abend hätten die beiden zusammen mit zwei Cousins einen kleinen Zaun gebaut, um Ziegen und andere Tiere davon abzuhalten, in das Feld zu kommen und die Bäume zu beschädigen. Die beiden Cousins sowie weitere Dorfbewohner, die an dem Abend Moatamad Salama im Feld gesehen haben, haben dies beim Staatsanwalt bezeugt. Trotzdem wurde er zuerst zum Tode verurteilt. Bei der Fortsetzung des Prozesses Ende April wurde die Todesstrafe zu lebenslanger Haft umgewandelt - für Salama sowie 429 weitere Angeklagte. Gegen 37 der 529 Verdächtigten wurde das

Todesurteil

bestätigt.

"Ich wünschte, der Zaun könnte sprechen und bezeugen, dass mein Sohn hier bei mir war und nicht in Matay", sagt Abdelhalim Salama Sayyed mit trauriger Stimme und hebt seine Hände in den Himmel. "Meine Hoffnung liegt an erster Stelle bei Gott und dann bei diesem neuen Präsidenten, den wir jetzt haben", fügt er hinzu. Präsident Abdelfattah Al-Sissi solle endlich reinen Tisch machen, fordert Sayyed. "Wir wollen nur Gerechtigkeit", sagt er fast schreiend. "Wer schuldig ist: zum Galgen mit ihm. Wer nichts gemacht hat, der soll freikommen und seine Arbeit weitermachen!"

"Ich vertraue Gott"

Viele Ägypter, aber auch Außenstehende, sehen in den Massenurteilen von Minia einen Rachefeldzug der derzeitigen Machthaber, allen voran des Militärs, gegen die Muslimbrüder. Dabei behaupten viele der Angeklagten, keine Sympathien für die inzwischen verbotene islamistische Vereinigung zu hegen. So wie Atef Ahmad Hassan und Mabrouk Farag.

Die beiden sind vor der Justiz geflüchtet und halten sich an einem Ort auf, dessen Name ihr Geheimnis bleiben muss. "Als erstes will ich sagen, dass ich große Sympathien für unseren Präsidenten Abdelfattah Al-Sissi habe", sagt Mabrouk Farag. "Ich bin Bauer. Politik interessiert mich nicht", erzählt er weiter. "Und die Muslimbrüder habe ich nie gemocht." Hinter seiner Verurteilung vermutet er die Rache eines verfeindeten Nachbarn, der gegen ihn bei der Polizei ausgesagt haben soll. "Hier bei uns kennt jeder jeden", sagt er und fragt mit Verwunderung: "Warum soll ausgerechnet ich festgenommen werden?"

Mabrouk Farag erzählt von seinen finanziellen Engpässen, dass er seit Monaten seine vier Kinder nicht gesehen hat, dass er nicht weiß, wie es seiner Familie geht. Und dass er sich der Polizei stellen möchte, sobald der Richter die Beweislage neu prüfen will. Das habe ihm sein Anwalt geraten. "Ich vertraue Gott und den ägyptischen Richtern", sagt Farag.

Atef Ahmad Hassan, ein stattlicher Mann mit weißem Gewand und langem, schwarzem Bart, hingegen hat

wenig Vertrauen in die Justiz.

Auch er weist jede Schuld von sich. "Wenn ich etwas angestellt hätte, würde ich mich sofort stellen", sagt er. "Viele behaupten, ich gehöre der Muslimbrüderschaft an", erzählt er. "Dabei bin ich ein einfacher Prediger, ein Gelehrter der Al-Azhar-Schule, der Gott fürchtet."

Er sei dabei gewesen, als eine Menschenmenge den Polizisten Mostafa El-Attar zu Tode verprügelt hat. "Dabei wollte ich nur schlichten", behauptet er. Doch seine Absicht von damals zu beweisen, bleibt schwierig, sagt er fast resigniert. Es gibt Videos von der Tat, auf denen er zu sehen ist - Atef Ahmad Hassan schwört noch einmal bei Gott, dass er das Opfer, "das ich gut kannte, nur retten wollte". Ob er sich stellen will? "Sobald ich das Gefühl habe, dass in unserem Land Gerechtigkeit herrscht", sagt er entschlossen.

Anwalt Ahmed Mohammad mit Bauer Abdelhalim Salama Sayyed, der Frau des Angeklagten Moatamad Salama sowie dessen drei Kinder (Foto: DW)

Anwalt Ahmed Mohammad (r.) mit Bauer Abdelhalim Salama Sayyed, der Frau des Angeklagten Moatamad Salama sowie dessen drei Kindern

"Der Richter hat die Beweislage nicht geprüft"

Im Dorf Cheikh Hassan bekommt Bauer Abdelhalim Salama Sayyed derweil Besuch von seinem Schwager, der Sohn Moatamad als Anwalt vertritt. "Es sind diese Videos sowie die Zeugenaussagen, die die Tat dokumentieren", sagt Rechtsanwalt Ahmed Mohammad. Neben Moatamad Salama vertritt er 17 weitere Angeklagte in dem Prozess. Das Urteil will er nicht kommentieren.

"Die ägyptische Justiz hat eine lange Tradition. Sie ist fair und gerecht." Er betont jedes einzelne Wort - die Wörter "fair" und "gerecht" hebt er noch deutlicher hervor. Später, als das Mikrofon aus ist, sagt er: "In diesen Zeiten muss man aufpassen, was man sagt." Die ägyptische Justiz will er nicht kritisieren. "Es gibt aber erhebliche formale Fehler bei dem Prozess", erklärt er. "Es gibt 90 Videos auf einer CD. Dort kann man genau sehen, wer an der Tötung des Polizisten beteiligt war. Doch der Richter hat sie nicht angeschaut und keinen Experten berufen, um sie zu bewerten." Bauer Abdelhalim Salama Sayyed hat dafür nur Kopfschütteln übrig.

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